Was meine Ur-Oma über Corona denkt – von Carolin Knittler

Meine Ur-Oma ist 86, fast 87.
Bereits als die Krise anfing, war meine Ur-Oma fest davon überzeugt, dass all die Maßnahmen nur Quatsch seien. Als dann auch noch die Schulen geschlossen wurden und die Friseursalons, war die Welt für sie zu Ende.
Meine Ur-Oma wohnt nur drei Häuser von uns entfernt und seit der Corona Zeit trinken wir jeden Tag gemeinsam Kaffee, aber natürlich draußen und mit genug Abstand. Es war schon schwer genug, sie dazu zu bringen, auch wirklich Abstand zu halten. Meine Eltern versuchen auch, sie immer dazu zu bringen, nicht einkaufen zu fahren, da wir das für sie übernehmen könnten, doch sie ist nicht zu überzeugen. Stattdessen bringt sie uns ständig Mehl oder Eier mit, weil wir in der Zeit so viel backen. Da kann man sagen, was man will, sie kann es nicht lassen. Ihr Problem mit der Maskenpflicht ist, dass sie das Gefühl hat zu ersticken. Doch Angst vor Corona hat sie keineswegs! Sie sagt, sie habe ein so gutes Immunsystem, sie bekomme das nicht, dass sei früher auch schon so gewesen, als sie als Krankenpflegerin gearbeitet habe. Wenn eine Kollegin krank geworden sei, sei immer die ganze Station krank geworden – außer meiner Ur-Oma: Sie hat keinen Schnupfen mitgenommen.
Umso beleidigter ist sie, dass wir nicht mehr zum Mittagessen kommen dürfen. Jedes Mal, wenn wir uns – in ihren Worten – „anstellen“ wegen des Kontakts, sagt sie, sie würde uns nicht anstecken, obwohl sie diejenige ist, die wir versuchen zu schützen. Das ist völliger Blödsinn in ihren Augen.
Auch nicht besser sieht es bei meiner Oma von der anderen Seite aus. Ich stehe im Garten, sie geht an mir vorbei und auf einmal kommt sie auf mich zu und umarmt mich, aber wirklich so schnell, dass ich keine Zeithabe zu reagieren.

Nachdem sie mich wieder losgelassen hat und bevor ich anfangen kann, mich aufzuregen, fängt sie an zu erzählen, sie hätte schließlich die Luft angehalten. Es fällt auch ihr unheimlich schwer, ihrer Familie nicht zu nahe zu kommen.
Warum ist das so? Warum tun sich besonders die älteren Menschen oft so schwer, die Maßnahmen zu akzeptieren? Ich denke es liegt zum einen daran, dass beide keine Person kennen, die an Corona erkrankt ist. Natürlich sieht man die Folgen im Fernsehen und hört darüber, aber es fühlt sich nun einmal nicht so nah an.
Beide haben unheimliche Angst davor, jetzt zu sterben, denn für sie gäbe es nichts Schlimmeres, als die Familie nicht um sich zu haben.
Doch meine andere Oma, die Tochter meiner Ur-Oma geht mit einer anderen Haltung an die Situation heran. Sie hält sich an die Regeln und geht wirklich nur dann einkaufen, wenn es sein muss. Möglicherweise liegt die andere Einstellung daran, dass sie einfach noch jünger ist. Zwar gehört sie ebenfalls zur Risikogruppe, doch sie steckt noch mitten im Leben. Sie freut sich auf die Zeit, wenn alles wieder normal läuft, doch sie kann warten. Sie hat – anders als vielleicht meine Ur-Oma – die Geduld und auch die Zeit aufgrund ihres nicht allzu hohen Alters zu warten. Solange sie sich nicht an Corona ansteckt, gibt es keinen Anlass zur Sorge.
Eines haben jedoch alle gemeinsam: Sie wollen, dass Corona so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht wird und das Leben wieder normal verlaufen kann.

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