Kolumne der SV #4 – Lettland von Lukas Winter

Von Trampolin bis Tischeishockey

Herbst 2019-Während Edith und Bennett motiviert und professionell noch am Schreiben der Satzung saßen, war gegen 4:00 morgens für unsere Austauschgruppe Treffen am Busparkplatz der Eichenschule, ebenso motiviert waren wir. Nach einer Stunde wach bleiben, waren wir am Flughafen Hamburg und saßen schon bald im Flugzeug. Eine weitere gute Stunde ging vorüber und wir landeten in Frankfurt. Alle hatten irgendwie Hunger, gefunden haben wir aber auch nichts Tolles, also holte ich mir schnell eine Brezel, denn es war Boarding angesagt.
In der Maschine nach Riga stieg die Anspannung. -Wie ist Lettland so?
-Ist mein Austauschpartner ok?
-Können wir uns überhaupt unterhalten?
Und vor allem: Was machen wir überhaupt die Woche?
Mit einem leeren Becher Tomatensaft saßen wir dann da und sahen Lettland hinter dem Meer. Also zuerst sahen wir erstmal ganz schön viel Wald. Doch dann kam schon bald die Durchsage, dass wir doch bitte die Gurte wieder anschnallen, denn wir befänden uns im Landeanflug auf Riga. Spätestens jetzt, das wir alle den Flughafen vor uns sahen, waren wir sehr aufgeregt. Am Boden angekommen, empfing uns die Schulleiterin des Tukums Rainis Gymnasiums. Sie führte uns aus dem Flughafen heraus und ich stand das erste Mal auf lettischem Boden.
Draußen stiegen wir in einen kleinen, süßen, wenn auch ziemlich engen Bus ein. Ausgestattet mit einem Lunchpaket nahmen wir dann die letzte Reise des Tages auf uns. „Wir sind gleich da!“, hieß es irgendwann von vorne, und schon sahen wir die ersten Häuser Tukums ́. Ein paar Minuten später fuhren wir auf einen großen Platz, wo uns schon eine menge Menschen erwarteten. Zum Glück haben wir vorher einen kleinen Infozettel über den Austauschpartner bekommen, glücklicherweise haben wir uns erkannt und sogar einen halbwegs coolen Handschlag hinbekommen.
Danach ging es zu einem kleinen Kennenlernen mit Kaffee und Kuchen in die Schule und schnell dann auch schon ins Auto meiner neuen Familie (für eine Woche jedenfalls). Im Radio lief „Just lose it“ von Eminem, wovon ich jetzt schon wieder einen Ohrwurm bekomme, wenn ich dran denke. Auf der Autofahrt lernte ich seine kleine Schwester und seine Mutter kennen und erfuhr, dass wir jetzt etwas essen und bowlen gehen werden. Im Restaurant traf ich Gustavs, seinen Bruder. Er kam auch direkt auf mich zu, begrüßte mich mit einem Handschlag und sagte, dass sie mir unbedingt Tukums zeigen müssten. Nach dem Essen war es auch schon so weit.
Direkt als wir draußen waren, fing der 9-jährige Gustavs plötzlich an, auf die Hauswand zuzulaufen und machte ganz entspannt einen Rückwärtssalto. Ab dem Punkt war mir dann klar, dass die lettischen Jungs doch bedeutend cooler sind als wir Deutschen. Auch wenn ich von Tukums im Endeffekt an diesem Tag nicht viel sah, lernte ich schon drei Trampoline in der Stadt verteilt kennen, wo Gustavs und Emils(mein Austauschpartner) ihre Rückwärtssaltos machten. Ab da an war es unsere Mission, dass ich bis zum Ende der Woche einen Rückwärtssalto hinbekomme. Viel Zeit dafür war aber an diesem Tag nicht mehr, denn die Bowlingbahn wurde frei und wir mussten schnell wieder zurück.

Gegen 20:00 Uhr fuhren wir dann auch (endlich) nach Hause. Das Haus lag weit weg von allem an einer langen Straße, wir hatten sogar einen eigenen See auf dem Grundstück, und natürlich ein Trampolin.
Der nächste Morgen – Ich wusste schon, dass ich mit der Familie nachmittags nach Riga in eine Trampolinhalle fahren würde, doch erstmal ging es wohl zu einem Geburtstag einer Freundin der kleinen Schwester. Komisch, dachte ich mir, dass das 4 Jahre alte Mädchen mit der ganzen Familie und einem deutschen Austauschschüler da ankommt, aber egal. Wir setzten uns in den roten Van des Vaters und fuhren los. Auf dem Weg zeigte mir Emils auf seinem Handy noch „Tik Toks“ und „Youtube-Videos“, die er gemacht hat. Nach vielen Feldern links und rechts stand am Ende des Weges plötzlich ein Holzhaus, an dem wir auch anhielten. Wir klopften, kriegten von einem kleinen Mädchen mit einer Plastik-Krone auf dem Kopf aufgemacht, dem Geburtstagskind.
Wir gingen rein und ich sah plötzlich ganz viele Menschen von jung bis alt durch das Haus laufen. Ich wurde von einer älteren Dame empfangen: „Lukas, du bist die Junge aus Deutschland, ja?“ „Ja, genau, der bin ich, hallo.“, sagte ich komplett überfordert. Sie gab mir eine Umarmung und bot mir direkt etwas zu essen an. Wir nahmen uns alle ein paar Weintrauben und Bananen und setzten uns an das Eishockeyspiel in der Mitte des Wohnzimmers. Ich wurde von Emils herausgefordert und verlor haushoch mit 10:1. Emils, Gustavs und ich gingen dann aber doch raus und (natürlich) aufs Trampolin. Hier bin ich dem Rückwärtssalto schon ein Stück näher gekommen.
Am Nachmittag wurde der Rückwärtssalto in der Trampolinhalle dann endlich was, es hat funktoniert.
Die nächsten Tage haben wir Wanderungen in der Natur gemacht, eine Stadttour in Riga besucht und sogar ein Oldtimermuseum gesehen. Am Ende war ich schon traurig, dass ich wieder weg musste, schlimm war vor allem der Abschied von Gustavs, Emils würde ich ja wieder sehen. Noch schlimmer war es dann aber, als klar wurde, dass die Letten wegen Corona dieses Jahr nicht wieder kommen würden.
Was soll ́s, jedenfalls haben wir eine tolle Zeit erlebt und ich hab einen Rückwärtssalto gemacht, den ich mir trotzdem jetzt irgendwie nicht mehr zutrauen würde.

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