Hervorgehoben

Kriminalakte „Abschreiben erwünscht!“

Zertifizierung der Eichenschule als „Ausgezeichnete Demokratieschule in Niedersachsen“

Lehrer: “Ich hoffe, dass ich dich nicht noch einmal beim Abschreiben erwische, Fritzchen!’’ Fritzchen: “Das hoffe ich auch…“

Und wir hoffen das natürlich auch, denn die Konsequenzen von Täuschungsversuchen (aka: abschreiben oder spicken) – die da wären: eine Bewertung als „ungenügend“, Punktabzug oder eine Wiederholung der Arbeit – will wohl keiner von uns zu spüren bekommen.

Deshalb ist es auch wenig verwunderlich, dass einige Schülerinnen und Schüler glaubten sich verhört zu haben, als ihnen in skandalöser Weise gesagt wurde: „Abschreiben ist ausdrücklich erwünscht!“

Diesen Tatverdacht können wir, als investigative Schülerreporter, natürlich nicht auf sich beruhen lassen, deshalb hier all unsere Ermittlungsergebnisse:

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Kriminalakte „Abschreiben erwünscht:

Tatverdacht: die Anwesenden ausdrücklich zum Abschreiben aufgefordert

Tatort: Raum 1101, Solitär, Eichenschule Scheeßel

TäterIn: Gaby Willamowius, Staatssekretärin des niedersächsischen Kultusministeriums

Tatzeit: Do., 03.11.2022, irgendwann zwischen 10 und 11 Uhr

Augenzeugen: der WPK Politik 9, die SchülersprecherInnen, einige JuniorbotschafterInnen des Europäischen Parlamentes sowie VertreterInnen des SOS-Teams, einige Lehrkräfte inklusive Geschäftsführer Stephan Anders

Augenzeugenbericht:

Am Donnerstag, den 03.11.2022, kurz vor zehn Uhr versammelten sich die genannten Personen im Raum 1101. Der Grund dafür: der Eichenschule wurde der Titel „Ausgezeichnete Demokratieschule in Niedersachsen“ verliehen, den in ganz Niedersachsen nur insgesamt 15 Schule tragen dürfen, die ein außerordentliches Engagement in Demokratiebildung zeigen und die Schülerinnen und Schüler auf besondere Weise in die schulischen Abläufe und Entscheidungen mit einbeziehen. Für diesen Anlass war die Staatssekretärin des niedersächsischen Kultusministeriums, Gaby Willamowius, aus Hannover angereist, wo sie zunächst von Geschäftsführer Stephan Anders begrüßt wurde, bevor sie ihr eigenes Grußwort sprechen durfte, in welchem sie über die Bedeutung von Demokratie im Schulalltag sowie die Unverzichtbarkeit von Demokratie und Partizipation in Anbetracht der aktuellen Ereignisse referierte. Zudem lobte sie die hervorragende Arbeit der Eichenschule in dem Bereich der Partizipation von SchülerInnen sowie das Ziel, SchülerInnen als mündige BürgerInnen im Sinne der Demokratie auszubilden, was unter anderem Gründe für die Zertifizierung waren. Bevor dann die Zertifizierungs-Plakette, ein Geldpreis und einige Lehrmaterialen überreicht werden konnten und die anwesenden Schülergruppen berichteten, wie sie die Demokratie in der Eichenschule tagtäglich erleben, passierte es: Frau Willamowius betonte, wie wichtig der Ideenaustausch innerhalb des Demokratieschulen-Netzwerkes sei und dass Abschreiben ausdrücklich erwünscht ist!

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Und das aus dem Mund einer Vertreterin des Kultusministeriums! Unser Tatverdacht hat sich damit also bestätigt, aber Anklage werden wir wohl nicht erheben, denn wir wissen nach eingehenden Ermittlungen nun, dass diese Aussage nicht auf Prüfungen bezogen war und können Frau Willamowius nur zustimmen, dass gute Ideen unbedingt weitergeben werden sollten, damit viele Menschen daran teilhaben können.

Zum Abschluss dieses Kriminalfalls möchten wir euch (sinngemäß) noch etwas mit auf den Weg geben, dass Frau Willamowius uns bei der „Täterbefragung“ erzählt hat:

Für Partizipation braucht es viel Übung. Es klappt nicht immer sofort, dass man sich so einbringen kann, wie man es gerne würde und es kann auch immer wieder Rückschläge geben. Deshalb ist es wichtig, dass man die immer wiederkehrenden Gelegenheiten nutzt. Man braucht auch keine Angst zu haben, Fehler zu machen, denn gerade in einer Schulgemeinschaft kann man sich gegenseitig helfen und bestärken. Man darf nur nie aufgeben!

Eure Ermittler/Reporter:

Marika Münkel und Jannes Rathjen

03.12. – *1: #MentalHealthMatters

Name: Kai Alter: 12 Jahre. Verhaltensauffälligkeiten/Symptome: – übersteigerte Angst – Angst vor Situationen, die andere Menschen normal finden – begleitet von Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Übelkeit, Brustenge oder Schwindel Diagnose: Angststörung

Name: Robin Alter: 7 Jahre Verhaltensauffälligkeiten/Symptome: – Unaufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsstörung,Ablenkbarkeit) – Überaktivität (Hyperaktivität, motorische Unruhe) – Impulsivität Diagnose: hyperkinetische Störung

Name: Mika Alter: 17 Jahre Verhaltensauffälligkeiten/Symptome: – häufig an Schlägereien/Überfällen beteiligt – Reizbares, aggressives Verhalten – im Verhalten anderen und sich selbst gegenüber rücksichtslos Diagnose: dissoziale Störung

Name: Noah Alter: 14 Jahre Verhaltensauffälligkeiten/Symptome: – dauerhaftes Erschöpfungsgefühl – Schlafstörungen / verminderter Appetit – Konzentrationsstörungen – Suizidgedanken Diagnose:

Laut der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (Bptk) erkranken innerhalb eines Jahres fast 20% der Kinder und Jugendlichen an einer psychischen Störung. Doch wie unsere ausgedachten Beispiele zu den am häufigsten auftretenden Krankheiten zeigen, werden solche psychischen Erkrankungen viel zu häufig gar nicht erst erkannt, was wie in dem Fall von Noahs Depression fatale Folgen haben kann. Denn Kinder oder Jugendliche, die im jungen Alter bereits Probleme mit ihrer Psyche hatten und nicht in Behandlung waren oder die keine Chance auf die benötigte Behandlung hatten, werden lebenslang mit Schwierigkeiten, z.B. in ihrem Sozialverhalten, konfrontiert sein. Doch um dem vorzubeugen, gibt es zu wenige Therapieplätze, weshalb der Ethikrat, der einen größeren Fokus auf die Belange der jüngeren Generationen in Krisenzeiten fordert, einen Ausbau von unterstützenden Angeboten, die Schaffung von mehr Therapieplätzen und das Schließen von Versorgungslücken empfiehlt.

Natürlich sind Solidarität und Nächstenliebe gegenüber unseren Mitmenschen, die Themen unseres Adventskalenders, sehr wichtig, man sollte dabei jedoch nicht vergessen, auch sich selbst zu lieben und auf die eigene, besonders die seelische Gesundheit zu achten. Das zweite Gebot Jesu im Matthäusevangelium (22:39) – „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ – ist keine fromme Forderung, sondern mittlerweile wissenschaftlich bestätigt. Nur, wer eine positive Haltung zu sich selber hat, kann diese auch gegenüber seinen Mitmenschen entwickeln und für diese da sein. Deshalb werden wir uns in unserer Artikelserie #MentalHealthMatters ausführlich mit dem Thema psychische Gesundheit beschäftigen – die einzelnen Beiträge werden jeweils an den Wochenenden erscheinen.

Dabei werden wir uns folgenden Themen widmen:

*2: Rückblick – Im Verlauf der Pandemie haben Kinder und Jugendliche eine besondere Belastung erlebt und mussten mit erheblichen Freiheitseinschränkungen leben. Was hat das mit ihrer Psyche gemacht? Was sind die Folgen? Was sagen Experten dazu? Und vor allem, wie haben sich zum Beispiel unsere Mitschüler*innen gefühlt?


*3: Einblick – nach der Krise ist in der Krise. Auch wenn die Zeit der Freiheitseinschränkungen in der Pandemie (erstmal?) vorbei ist, nehmen die psychischen Belastungen durch Krisen nicht ab. Was machen die aktuellen Krisen wie der Ukraine-Krieg, die Energiekrise oder der Klimawandel mit jungen Menschen und wie bewusst nehmen Jugendliche diese Krisen eigentlich war? Sind sie vielleicht schon zur Normalität geworden?


*4: Ausblick – eine aktuelle Forsa-Befragung unter Jugendlichen in Deutschland zeigte, dass 70% optimistisch bzw. positiv auf die eigene Zukunft blicken. Doch was ist mit den anderen 30%? Wie lässt sich die Zukunft angesichts der aktuellen Krisen überhaupt gestalten? Gibt es vielleicht politische oder institutionelle Lösungsansätze?


*5: Blick hinter die Kulissen – nicht nur die Krisen können ein überforderndes Gefühl hervorrufen, machmal ist es auch Schulstress, der die psychische Gesundheit von uns Schüler*innen negativ beeinflussen kann. Wie geht die Eichenschule dagegen vor? Welche Hilfsangebote gibt es und welche Möglichkeiten haben die Lehrkräfte, ihrer Schüler*innen zu unterstützen?


*6: Blick in die Ferne – haben britische Jugendliche die gleichen Ängste vor der Zukunft wie die Deutschen? Welche Unterschiede gibt es im Umgang mit psychischen Erkrankungen und welche Rolle spielt das Thema Spielsucht in diesem Zusammenhang?

„What mental health needs is more sunlight, more candor, and more unashamed conversation.“

– Glenn Close

Von Marika und Paula

02.12. – Es ist wieder soweit… Bildimpuls zum Editorial

Advent 2022: Russische Raketen beschießen ukrainische Städte. Häuser und Infrastruktur sind vielfach zerstört. Leid herrscht in der Zivilbevölkerung, während bei uns in Scheeßel die erste Kerze am Adventskranz brennt und die Plätzchen auf den Tellern liegen. Viele Opfer von Krieg und Gewalt in der Ukraine und anderswo sind auf der Flucht und ohne Schuld heimatlos geworden.

Advent 2022: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un verkündet, Nordkorea wolle die stärkste Atommacht der Welt werden. Zahlreiche Raketenversuche hatten in den vergangenen Wochen (nicht nur) bei den asiatischen Nachbarn für Unruhe gesorgt. Die globale Sicherheit ist bedroht.

Advent 2022: Demonstrierende in China, im Iran oder Russland werden gewaltsam zurückgedrängt; Meinungsfreiheit und Menschenrechte sind in diesen Ländern Fremdworte, obwohl sie universelle Rechte sind.

Felix und Jennifer, Kunstkurs 2014

Was tun, wenn man auf all die regionalen und internationalen Krisen blickt und die Situation zum Verzweifeln ist?

GEMEINSCHAFT SUCHEN

in unserer Schule

im Sportverein

in der Familie.

GEMEINSAM HINSEHEN, HELFEN, HANDELN MIT HERZ, HIRN UND HAND

wo es möglich ist

wie es meinen Fähigkeiten entspricht

wann immer ich kann.

So wird es sinngemäß auch in unserem Leitbild festgehalten.

01.12. – Es ist wieder soweit…

Foto: MM

Heute morgen war es endlich wieder soweit. Das erste Türchen des Adventskalenders durfte geöffnet werden und spätestens jetzt sollten alle wieder in Weihnachtsstimmung kommen. Wir vom ES-Magazin möchten dem von Kerzenschein und Plätzchenduft geprägten Countdown bis zum Heiligen Abend auch dieses Jahr wieder einen eigenen Adventskalender beisteuern, allerdings wohl etwas anders als gewohnt. Unter dem internen Projekttitel „Adventskalender2“ entstand die Idee, auch unseren Instagramkanal zu nutzen, um euch das Warten ein wenig zu versüßen. Dort verbergen sich hinter jedem Türchen zum Beispiel Rezepte, Gedichte oder Rezensionen. Schaut also auch dort gerne mal vorbei.

Während ihr also bei Instagram die gewohnten vorweihnachtlichen Inhalte finden werdet, haben wir uns dazu entschieden, den Adventskalender hier auf dem Blog unter ein Oberthema zu stellen, das sich etwas nachdenklicher mit der Bedeutung von Weihnachten beschäftigt:

Die diesjährige Weihnachtsstimmung wird von Inflation und Energiekrise getrübt, sodass der Handel sich wohl auf einen deutlichen Umsatzrückgang im Vergleich zu 2021 einstellen muss. Ein Drittel der Deutschen wollen bei Geschenken sparen, sodass laut GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) mit einem Rückgang von 8% des weihnachtlichen Umsatzvolumens gerechnet wird…

Als wäre das unser größtes Problem. Bei der Geschenkeflut, die jedes über Deutschland rollt, schadet es sicher nicht, dieses Jahr bewusster zu schenken und den Beschenkten damit wahre Freude zu bereiten, ganz ohne den alljährlichen Konkurrenzkampf, wer das beste und teuerste Geschenk unter den Baum gelegt hat. Aber ob das möglich ist? Immerhin verbanden vor einigen Jahren noch 71% der Deutschen Weihnachten mit Geschenken. Im Gegensatz dazu waren es nur 17%, die Weihnachten mit Spenden verbanden. Übersetzt hieße das dann wohl so viel wie: „Hauptsache unter meinem Baum türmen sich die Geschenke, alle anderen sind mir egal“. Oder um es in den Worten von Charles Dickens zu sagen: „External heat and cold had a little influence on Scrooge. No warmth could warm, no wintry weather chill him. No wind that blew was bitterer than he, no falling snow more intent upon his purpose, no pelting rain less open to entreaty.“

2022 sieht das schon wieder ganz anders aus: Mitte November wurde in der Tagesschau verkündet, dass die Deutschen so viel wie nie zuvor gespendet hätten (wenn man die Inflation berücksichtig), denn insgesamt waren es fast 900 Millionen Euro, die für Betroffene des Ukraine-Krieges eingegangen sind. Die Deutschen können es also doch: Solidarität und Nächstenliebe statt Egoismus.

Doch was hat das Ganze jetzt mit Weihnachten und unserem Adventskalender zu tun?

Bereits vor zehn Jahren sagte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck in seiner jährlichen Weihnachtsansprache:

„Wir brauchen nicht nur tatkräftige Politiker, sondern auch engagierte Bürger. Und manchmal brauchen wir eine Rückbesinnung, um immer wieder zu uns und zu neuer Kraft zu finden. Dazu verhilft uns Weihnachten. Für Christen ist es das Versprechen Gottes, dass wir Menschen aufgehoben sind in seiner Liebe. Aber auch für Muslime, Juden, Menschen anderen Glaubens und Atheisten ist es ein Fest des Innehaltens, ein Fest der Verwandten und Wahlverwandten, ein Fest, das verbindet, wenn Menschen sich besuchen und beschenken – mit schönen Dingen, vor allem jedoch mit Zuwendung. Wer keine Zuwendung erfährt und keine schenkt, kann nicht wachsen, nicht blühen.

In der Sprache der Politik heißt das: Solidarität. In der Sprache des Glaubens: Nächstenliebe. […] Der Stern aus der Weihnachtsgeschichte führte Menschen einst von fernher zu einem ganz besonderen Ziel – zu einem Menschenskind. Einen solchen Stern wünsche ich jedem in unserem Land. Einen Stern, der ihn zum Mitmenschen, der uns zueinander führt.“

Alle Beiträge unseres diesjährigen Adventskalenders werden also unter dem Thema „Solidarität und Nächstenliebe“ stehen, da dieses Thema gerade in diesem Jahr wieder enorm an Bedeutung innerhalb der Gesellschaft gewonnen hat:

2022 – es ist wieder soweit: Während Gauck 2012 in seiner Weihnachtsansprache nach seiner Reise nach Afghanistan davon sprach, dass wir für den bereits 65 Jahre andauernden Frieden in Europa dankbar sein sollen, ist der Krieg seit dem Überfall Russland auf die Ukraine im Februar wieder zurück in Europa.

2022 – es ist wieder soweit: Leere Regale im Supermarkt und Lieferengpässe bei fast allen Waren, bedingt durch die globalen Auswirkungen des Ukraine-Krieges, rufen bei vielen ein DDR-Déjà-vu hervor.

2022 – es ist wieder soweit: Die Herkunft eines Menschen entscheidet scheinbar wieder über seinen Wert. Während 900 Millionen Euro für Betroffene des Ukraine-Krieges gespendet wurden und zahlreiche Deutsche ukrainische Geflüchtete übergangsweise bei sich aufgenommen haben, ertrinken weiterhin dutzende Flüchtlinge im Mittelmeer oder sie müssen unter menschenunwürdigen Umständen, zusammengepfercht in überfüllten Flüchtlingslagern – überspitzt gesagt- darauf warten, wieder abgeschoben zu werden, wenn die überfüllten Boote überhaupt an den Küsten Europas anlegen dürfen.

2022 – es ist wieder soweit: Kalte und dunkle Winter, denn Strom und Heizenergie sind teuer. Und auch die steigenden Lebensmittelpreise stellen viele Haushalte vor Herausforderungen. Hilfsorganisationen wie zum Beispiel Tafeln können der Nachfrage an kostenlosen oder zumindest günstigeren Produkten nicht mehr gerecht werden.

2022 – ein von Krisen geprägtes Jahr, dass uns wieder bewusst macht, wie wichtig Solidarität und Nächstenliebe sind. Und wie auch die wohl berühmteste Weihnachtsgeschichte -„A Christmas Carol“ von Charles Dickens- zeigt, ist es nie zu spät, um einander zu helfen und beizustehen. Insbesondere in der Advents- und Weihnachtszeit sollte man den guten Willen in den Vordergrund stellen und nicht geizig sein, wenn man dadurch anderen Menschen helfen kann.

Scrooge was better than his word. (…) He became as good a friend, as good a master, and as good a man, as the good old city knew, or another good old city, town, or borough, in the good old world.“

In diesem Sinne wünscht die gesamte Redaktion des ES-Magazins eine schöne Vorweihnachtszeit und viel Spaß mit unserem Adventskalender2.

Ihr bereut es doch, nicht wahr?

Großbritannien fängt an, den Brexit als falsche Entscheidung anzusehen

Kein Thema spaltet die britische Bevölkerung immer noch so sehr wie der Brexit – schon 2016 mit der Verkündung des Ergebnisses des Referendums, durch das sich der Austritt oder Verbleib aus der EU entscheiden würde, wurde die im vorherigen Wahlkampf deutliche Spaltung der Gesellschaft in politischen Themen bestätigt. 48% der Britinnen und Briten stimmten für den Verbleib in der EU, eine knappe Mehrheit von 52% jedoch für den Austritt. Nach einem Wechsel in der Downingstreet 10 von Theresa May zu Boris Johnson als neuen Premierminister und langen Verhandlungen mit der EU wurde der Brexit am 31.01.2020 offiziell: Großbritannien war kein Teil der europäischen Union mehr. Doch wie die 48% der Bevölkerung vorausgesagt hatten, trug dies nicht zu besserer wirtschaftlicher Entwicklung der Insel bei und immer mehr Bürgerinnen und Bürger bemerkten, dass die von den Brexit-Befürwortern versprochenen Vorteile eine reine Fas gewesen waren. Dann kamen auch noch die Pandemie und nun die Energiekrise hinzu, die das Vereinigte Königreich gemeinsam in Richtung Rezession treiben. Eine finanzielle Unterstützung in diesen schwierigen Lagen der EU gab es dabei nicht mehr – das Land ist auf sich alleine gestellt, wie es dies eigentlich wollte. Spricht man mit den Menschen in Großbritannien heute aber über den Brexit, wird der Kopf geschüttelt, mit den Augen gerollt oder tief geseufzt, denn immer mehr Menschen sehen ein, dass der Brexit doch ein großer Fehler gewesen sein könnte.

Mit Inkrafttreten des Brexits Anfang 2020 – womit nach vier Jahren verschiedenster Verhandlungen und Vorschlägen für die Durchführung niemand mehr gerechnet hatte – geriet das Vereinige Königreich in eine wirtschaftliche Abwärtsspirale. Ausländische Fachkräfte mussten ausreisen, neue konnten nur schwer einreisen. Vor allem im Transportwesen und öffentlichen Nahverkehr fehlen mach wie vor Fachkräfte, sowie in der Pflege.

Dies rächte sich bitter in der darauffolgenden Corona-Krise. Großbritannien hält mit knapp 200.000 Corona-Toten den traurigen siebten Platz der Länder, in denen am meisten Menschen an dem Virus gestorben sind. Mehrfach war und ist das Gesundheitssystem immer noch kurz vor dem Kollaps, da es schon seit Jahren chronisch unterfinanziert und unterbesetzt ist. Nebenbei wirken die schon zu viel geringen Löhne für Pflegepersonal in Deutschland fast luxuriös verglichen mit Großbritannien – die Situation ist so dringlich, dass NHS – National Health Service – Angestellte sogar Rabatt in vielen Restaurants bekommen.

Vor allem aber die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gleichzeitig mit denen des Brexits belasten den Staat seit nunmehr knapp drei Jahren. Durch den Lockdown in Großbritannien selber, aber auch durch die Lieferengpässe ausgelöst durch Corona-Maßnahmen anderer Staaten, wurde das System des Landes mit vielen Schulden belastet, um die Lage zu entschärfen zusätzlich waren viele Waren und Dienstleistungen schlichtweg nicht erhältlich oder über längere Zeit knapp, wie beispielsweise Benzin und Diesel 2021.

Als wäre das nicht genug, belasteten schon während der Pandemie vor zwei Jahren hohe Preise die britische Bevölkerung durch striktere Einfuhrregelungen, die Importware auch aus der EU von nun an verteuerte. Dies führte jedoch noch nicht zu dem Gefühl von Reue mit Blick auf den Brexit – man glaubte weiter an die im Voraus von den Befürworterinnen und Befürwortern verbreitete

„Propaganda“, dass der Brexit der englischen Wirtschaft helfen würde, entgegen der Berechnung vieler Ökonominnen und Ökonomen aus aller Welt.

Viele Menschen in England fragen sich heute rückblickend, wie diese Propaganda bei dem Menschen Gehör finden konnte. Schließlich machten einige „Fakten“, was man durch den Brexit als Land sparen könne, gleich einen unglaubwürdigen Eindruck. Laut Berechnungen der Befürwortenden könne man die wöchentlich bis zu 350.000.000 an Brüssel gezahlten Pfund sparen – eine These die auch vom ehemaligen Premierminister Boris Johnson vertreten wurde.

Dennoch gaben diese Zahlen den Britinnen und Briten einen Grund, ihren tiefen Wunsch, eigenständig und unabhängig von anderen Ländern zu sein, endlich zu verwirklichen. Seit die vier Länder Wales, England, Schottland und Nordirland in der EU sind, gab ununterbrochen es starke Strömungen, die sich gegen die Union stellten und ihr vorwarfen, man respektiere nationale Entscheidungen nicht mehr und sei von ihr bevormundet, was nebenbei auch noch verhindere, dass man in das eigene Land dort investieren könne, wo es am notwendigsten sei. Die EU war für viele Menschen für die Probleme Großbritanniens verantwortlich. Insbesondere aber war die Migrationspolitik der EU der britischen Bevölkerung ein Dorn im Auge – man wollte mehr Kontrolle über die eigenen Grenzen und strengere Kontrollen gegenüber illegalen Einwandernden durchsetzen, da ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger Sicherheitsbedenken hatte.

Der Brexit bot ihnen dabei auch die Möglichkeit, umstrittene Projekte, beispielsweise die geplanten Abschiebungen jeglicher Asylsuchender nach Ruanda – ungeachtet ihres wahren Herkunftslandes – das dafür bezahlt wird, diese aufzunehmen. Als EU-Mitgliedstaat hätte das Land es schwieriger gehabt, dieses oftmals als menschenunwürdig kritisiertes Projekt durchzusetzen und noch weniger Flüchtlinge als sowieso schon aufzunehmen, da es nach Deutschland die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU war und die finanziellen Mittel für viele Aufnahmen von Flüchtlingen hatte. Brexit-Befürworterinnen und Befürworter nutzten jedoch genau dies aus und schürten Angst, Migrantinnen und Migranten könnten der britischen Bevölkerung die Arbeitsplätze wegnehmen, was angesichts des nun herrschenden Fachkräftemangels schier falsch ist.

Ein weiterer Fakt, der bei der Bestätigung des Brexits von der Bevölkerung jedoch ignoriert wurde, ist, dass die EU Hilfen bereitstellt, auch während der Corona-Pandemie, um die Mitgliedstaaten genau vor dieser wirtschaftlichen Krise zu schützen, auf die das Vereinigte Königreich gerade zusteuert. Natürlich, wenn man die EU als Staat verlässt, muss man kein Geld mehr für bestimmte Zwecke einzahlen, andererseits muss man neben genannten finanziellen Hilfen in Notsituationen alle anderen benötigten Summen selber arrangieren, wenn es beispielsweise um Grenzkontrolle und Warenverkehr geht, sowie bei der Landwirtschaft und Klimaschutz, wobei immer mithilfe der EU viel in diesen Bereichen in Großbritannien finanziert wurde.

Folglich ließ das wirtschaftlich schlechte Jahr 2022 dann aber sogar bekannte Brexit-Befürworterinnen und Befürworter zurückrudern und einräumen, dass einige damals erklärte Fakten schlichtweg falsch gewesen seien und man sich nun für mehr Kommunikation mit der EU einsetzen müsse – 42% der Menschen, die 2016 für den Brexit stimmten, bereuen es nun.

Denn mit Beginn Russlands, in die Ukraine einzumarschieren, und der starken Erhöhung von Energie- und somit Produktionskosten, stiegen die schon hohen Preise Großbritanniens weiter und auch die Inflation zog an – die Inflationsrate liegt im November bei 11,1%, der Pfund befindet sich auf einem Tief im Wert im Vergleich zu Euro, der Mindestlohn aber nur bei umgerechnet 11 Euro, ein Euro weniger als in Deutschland. Die britische Regierung hat nur eine Möglichkeit zur Entlastung der Bürgerinnen und Bürger – weitere Schulden. Die Hilfen und Restriktionen der EU bekommt sie nicht und helfen ihr schließlich nicht mehr, wie die geplante Gaspreisbremse.

Im Bezug auf Schulden und Steuern hat Großbritannien diesen Herbst Schlagzeilen gemacht: die Nachfolgerin Boris Johnsons im Amte des Premierministers oder der Premierministerin, Liz Truss, wollte die Steuern für die reiche Oberschicht senken, trotz aller Schulden. Ihr Vorschlag sah keinen Ausgleich für das ausbleibende Geld vor, sodass die Finanzmärkte abstürzten. Nach dem Finanzminister und der Innenministerin trat Truss nach 45 Tagen im Amt zurück. Da sich dies angedeutet hatte, ging im Internet eine Wette viral: Wer hält sich länger, ein Kohlkopf oder Liz Truss – wie es scheint, hat der Kohlkopf gewonnen. Dies alles geschah, nachdem Boris Johnson nach einer Reihe von Fehleinschätzungen und Fehlverhalten zurückgetreten war. Vor allem Partys während des Lockdowns und die Beförderung eines Parteikollegen, obwohl Johnson wusste, dass es gegen ihn Vorwürfe der sexuellen Belästigung gab, waren die Auslöser.

Aber wie man an der Kohlkopfwette sieht, die Britinnen und Briten nehmen es mit Humor, dass niemand weiß, wie lange sich die nächste Regierung hält. Doch diese Regierungskrise hat auch Folgen: In Großbritannien wenden sich immer mehr Menschen von der Politik ab – es scheint für sie, als könnten sie nichts mehr mitentscheiden – viele Menschen hatten sich nach Johnson’s und auch Truss‘ Rücktritt Neuwahlen gewünscht, da sie der Politik der regierenden Tory-Partei nicht mehr zustimmen, diese will aber keinen Verlust der absoluten Mehrheit an den bittersten Gegner, die Labours, riskieren, sodass sowohl Truss selber als auch der aktuelle Premier, Rishi Sunak, parteiintern ernannt wurden.

Einigen Menschen reicht es in Großbritannien aber auch mit Brexit-Problemen und Regierungs-Chaos endgültig, vor allem in Schottland. Dort hat die Mehrheit 2016 für den Verbleib in der EU votiert, da das Ergebnis aber für das ganze Königreich zusammengerechnet wurde, musste man sich unterordnen und beim Brexit mitmachen – was jetzt bereut und offen kritisiert wird.

Schon 2014 hatte Schottland ein Referendum über die eigene Unabhängigkeit gehalten, da immer schon sehr viele Menschen ihr Land vollkommen souverän und unabhängig sehen wollten, wobei sich aber 55% für den Verbleib im Vereinigten Königreich entschieden hatten.

Nicola Sturgis, Regierungsoberhaupt in Schottland, wollte nächstes Jahr ein erneutes Referendum abhalten, da sie und ihre Partei, die SNP, sich mehr Zustimmung zur Unabhängigkeit durch die Folgen des Brexits erhoffen.

Der Oberste Gerichtshof hat dies nun gekippt, da man es nur mit Zustimmung der britischen Regierung durchführen dürfe, was diese jedoch strikt ablehnt. Vielleicht sogar, weil dieseweiß, dass das Ergebnis noch enger werden könnte als das letzte Mal.

Sturgis sagte nach dem Urteil, dies beweise, dass Schottland als Staat im Vereinigten Königreich genau dieses Referendum brauche, da man sonst keinerlei Entscheidungsfreiheit habe und sich immer unterordnen müsse – das Bündnis Englands, Schottlands, Wales, und Nordirlands sei kein freiwilliges mehr. Nächstes Jahr im Februar soll das Referendum trotz Gerichtsurteil nach Sturgis‘ Vorstellungen stattfinden.

Großbritannien gleicht ein wenig einem Scherbenhaufen. Energie, Lebensmittel und Wohnraum sind noch schlechter zu bezahlen als in Deutschland, die Obdachlosigkeit steigt rasant. Das Land schlittert nach Regierungskrise, Brexit, Energiekrise und Corona in eine Rezession.

Dies ist vor allem für Expertinnen und Experten keine Überraschung, jetzt da das Land auf sich allein gestellt ist. Vor dem entscheidenden Referendum hatten viele Bürgerinnen und Bürger nur die möglichen Vorteile gesehen und die zur Zeit weit aus größeren Nachteile ignoriert. Niemand in Großbritannien weiß, wie sich die politische und wirtschaftliche Lage mit Blick auf den Wohlstandsverlust, Fachkräftemangel, strengerer Migrationspolitik und Teilen des Landes, die unabhängig sein wollen, um wieder in die EU einzutreten, entwickelt. Es ist ein bisschen wie ein Glücksspiel, das man zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr gewinnen kann – man kann es nur gerade so schaffen, nicht zu verlieren.

Paula Holste