We are not consumers of democracy – we are producers …

… bleibt eine der wesentlichen Erkenntnisse, die wir vom Sacharow-Jugend-Seminar am 14.12.2022 mitnehmen. Zum Jahreswechsel schadet es sicher nicht, dass wir uns bewusst machen, wie leicht das Leben ist, wenn man in einer stabilen Demokratie aufwachsen darf. Dass diese demokratischen Strukturen nicht selbstverständlich sind, sondern erarbeitet und verteidigt werden müssen, sollten wir uns alle täglich vergegenwärtigen.

Im Herzen der EU, im Europäischen Parlament in Straßburg, hatten wir Eichenschülerinnen die große Ehre als einzige deutsche Schule am Sacharow-Jugendseminar des Botschafterprogramms teilzunehmen, das die Verleihung des Sacharow-Preises für Verteidigung der freien Rede und der Menschenrechte an das Volk der Ukraine rahmte. 

Das Parlamentsgebäude, in dem das Seminar  stattfand, ist nach der französischen Frauenrechtlerin und Politikerin Louise Weiss benannt. Es verfügt über ein sehr modernes Besucherzentrum, das Parlamentarium Simone Veil, gewidmet der ersten weiblichen Präsidentin des Europäischen Parlamentes, das wir nach der Preisverleihung am Nachmittag besuchten. 

Neben uns Junior- und Seniorbotschafter:innen der EU-Nationen sowie Vertreter:innen Großbritanniens nahmen Alumni der Académie Notre Europe an dem perfekt organisierten Seminar teil. Auf dem Programm standen neben der Preisverleihung spannende Präsentationen, Workshops, die unserer Vernetzung und gemeinsamen Arbeit an zentralen EU-Themen wie Nachhaltigkeit oder Digitalisierung dienten, ein interessanter Einblick in die straffe Organisation des EU-Parlamentes durch Esen Alieva sowie ein Gespräch mit dem Head of Office, unserem Vertreter des EU Parlamentes in Berlin.

Auf die Begrüßung durch Sara Martos und Stephen Clark (Director for the European Parliament Liaison Offices at European Parliament), der uns von seinen jüngsten Reisen ins Baltikum und der Angst der Menschen dort vor einer Invasion Russlands berichtete, folgten die bewegendsten Momente des Programms: das einstündige Gespräch mit den Vertreter:innen der Preisträgernation, Ivan Fedorov, Bürgermeister von Melitopol, Oleksandra Matviychuk, Vorsitzende des Center vor Civil Liberties NGO und Trägerin des Alternativen Nobelpreises 2022 sowie mit ihrer Organisation Trägerin des Friedensnobelpreises 2022, und Yaroslaw Bozhko, Gründer des Yellow Ribbon Civil Resistance Movement und natürlich die Preisverleihung selbst. Bei dieser war der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij per Video live zugeschaltet und hielt eine berührende und aufrüttelnde Ansprache an die Abgeordneten und uns Besucher:innen.

Als Vertreterin des EU-Parlamentes stand uns zudem die finnische Europaabgeordnete Heidi Hautala Rede und Antwort. Hautala erklärte im Gespräch, wie die Preisträger:innen des Sacharow-Preises bestimmt werden: in einem komplexen mehrstufigen und verschiedenen Komitees unterstellten Verfahren. Schlüsselkriterium sei natürlich die Verteidigung der freien Rede und Menschenrechte durch die Preisträger:innen. Dass dieses Kriterium bei den Preisträger:innen 2022 übererfüllt war, stand für alle Anwesenden außer Frage.

Persönliche Geschichten und Erfahrungen der drei Preisträger:innen, die uns in der Panel-Diskussion vermittelt wurden, zeigten eindringlich, dass Demokratie, freie Rede und Menschenrechte keineswegs selbstverständlich sind, sondern verteidigt werden müssen.

Der Bürgermeister von Melitopol, Ivan Fedorov, erzählte davon, dass im vergangenen Jahr 700 junge Menschen in seiner Stadt einen Schulabschluss gemacht hätten. Junge Menschen mit Träumen und Hoffnungen für eine friedliche Zukunft und ein Leben in Sicherheit, die am 24. Februar 2022 zerplatzten. Sollte die Ukraine den Krieg gewinnen, sei dies ein Sieg nicht nur für die Ukrainer:innen, sondern für Europa. Umgekehrt wäre eine Niederlage eine Niederlage ganz Europas, denn nicht nur ukrainisches Territorium würde verloren gehen, sondern unsere gemeinsamen europäischen Werte. Fedorov mahnte auch, dass wir bei all den vielen Nachrichten, die unsere Kanäle täglich verstopfen, den Krieg in der Ukraine und die humanitären Probleme der vom Krieg Betroffenen nicht vergessen dürfen.

Yaroslav Bozhko wandte sich anschließend direkt an uns junge Zuhörer:innen, als er fragte, wer von uns Politikwissenschaften studiere wie er es getan habe. Viele seiner Kommiliton:innen, die vor dem Krieg gedacht hatten, in Frieden studieren und einst mit Diplomatie für Demokratie einstehen zu können, seien nun Soldaten und trügen Waffen. Andere – wie Bozhkov selbst – engagierten sich im zivilen Widerstand gegen die Invasion: Das von Bozhko aufgebaute Yellow Ribbon Movement ist eine zivile Widerstandsbewegung in der Ukraine, die den Menschen in den besetzten Gebieten Hoffnung geben soll nicht aufzugeben.

Lessons Learned – von wem würde man diese lieber lernen, wenn nicht von der diesjährigen Trägerin des Alternativen Nobelpreises und des Friedensnobelpreises, Oleksandra Matviychuk? Drei Lessons learned gab uns Matviychuk mit auf den Weg:

  1. Es brauche eine „revolution of dignity“, denn Anwälte und Freiwillige kämpften ehrenhaft für die Belange der Unterdrückten.
  2. Worte seien wirksam, dies hätten ihre Erfahrungen als Menschenrechtsanwältin gezeigt: Wenn viele sich zusammenschlössen und friedlich demonstrierten, habe dies konkrete Auswirkungen.
  3. Nicht nur politische Institutionen hätten Gestaltungsmacht. Zivilisten und einfache Bürger:innen hätten mehr Einfluss auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse als sie oftmals dächten. Daraus ergab sich ein Appell an die Zivilcourage und das notwendige Einstehen aller Menschen für Demokratie und Menschenrechte.

Die Appelle der Preisträger:innen an uns verhallten daher nicht, besonders als Oleksandra Matviychuk in ihrem Schlussstatement hervorhob, dass sie zu einer Generation gehöre, die den Krieg nicht habe verhindern können. Ihre abschließende Forderung „Be better than we are! I wish you succes!“ grub sich tief in unsere Herzen, denn wie auf dem Plakat zu lesen ist, das wir auf dem Innenhof des Parlamentes entdeckten: „Junge Leute können die Welt verbessern!“

Ein Kommentar zu “We are not consumers of democracy – we are producers …

  1. Hallo ihr Beiden,
    vielen Dank für Euren sehr interessanten Bericht. Ich sicher, dass Ihr unsere Schule würdig vertreten habt. Herzliche Grüße
    Ch. Birnbaum

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