24.12. – Nächstenliebe und Solidarität in der Kirche – Interview mit Kerstin Heins

Solidarität und Nächstenliebe – besonders in Zusammenhang mit der Advents- und Weihnachtszeit hört man diese zwei Begriffe sehr häufig; und zur Zeit auch, wenn man abends den Fernseher einschaltet, in den Nachrichten im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.

Vor allem die Nächstenliebe ist aber auch ein Begriff, der die Kirche definiert. Die Nächstenliebe, Caritas oder Diakonia, ist ein zentrales Gebot in der christlichen Kirche.

Viele Menschen verbinden Weihnachten mit Nächstenliebe – so auch Kerstin Heins. Sie ist ehemalige hauptberufliche Diakonin und hat uns und euch in einem Interview erzählt, was sie mit Nächstenliebe verbindet und vieles mehr.

Wir haben das Interview mit Absicht weitgehend ungekürzt gelassen, da wir und auch unsere Interviewpartnerin finden, dass man sich besonders in diesen Tagen mal etwas mehr Zeit für sich nehmen sollte, als man es sonst tut. Also schnappt euch zum Heiligabend eine Tasse Tee oder einen heißen Kakao, nehmt euch ein wenig Zeit und genießt das Interview.

ES-Magazin: Zuerst einmal, könnten Sie sich kurz vorstellen, für die, die Sie vielleicht nicht kennen? Wer sind Sie, was machen Sie; besonders im Hinblick, was machen Sie in der Kirche? […]

Kerstin Heins: „[…] Ich bin Kerstin Heins und bin hier an der Schule Lehrerin für Religion und Musik. Ich bin ursprünglich von Beruf Diakonin, das heißt ja, dass man in einer Kirchengemeinde Kinder- und Jugendarbeit verantwortet und gestaltet. Da bin ich zurzeit aber nicht hauptamtlich beschäftigt, sondern arbeite ehrenamtlich in der Gemeinde; unter Anderem leite ich einen Kinderchor, eigentlich ganz viele musikalische Projekte. Ich bin in einer Band mit dabei und bei Familiengottesdiensten. […]“

ES-Magazin: Wie Sie ja eben gesagt haben, sind Sie Mitarbeiterin in der Kirche gewesen. Beziehungsweise jetzt immer noch, aber eben nicht mehr so zeitintensiv wie früher. Wie definieren Sie als Kirchenmitglied […] die Nächstenliebe und die Solidarität? Und wie versuchen Sie diese Vorstellung dann auch in Ihren Alltag zu integrieren?

Kerstin Heins: „Also für mich ist Nächstenliebe, dass ich versuche dem anderen Gottes Liebe zu zeigen. Ich versuche das weiterzugeben, was ich selber bekomme von Gott.

Da fiel mir dann gleich ein schönes Bild ein, woran ich mich oft erinnere. Es gibt in Münster eine Kirche, die hatte ein Kreuz mit einer Abbildung Jesu und diese Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und dann wurde dieses Kreuz mit zerstört. Und als sie dann beim Aufräumen manches wiedergefunden haben, waren beide Arme von Jesus ab. Dann haben sie sich entschieden – das finde ich total faszinierend – das nicht zu restaurieren, sondern sie haben das Kreuz wieder hingehängt und haben den Satz da hingeschrieben:

„Ich habe keine Hände als eure.“

Da, wo vorher die Hände waren, ist nun dieser Satz. Das finde ich, zeigt für mich, was Nächstenliebe ist. Das zeigt, dass ich das mache hier auf der Welt, was eigentlich Jesus machen wollte. Oder anders gesagt: Dass ich das weitermache. Das, was er angefangen hat, weiterzuführen.“

ES-Magazin: Also quasi die Botschaft Jesu, die er vermitteln wollte, weiter zu verteilen, weil er ja nicht mehr bei uns ist?

Kerstin Heins: „Ja genau! Nächstenliebe ist für mich auch, gerade bei den Händen, das man auch mal anpackt; dass man nicht nur den Leuten was Nettes sagt, sondern auch wirklich praktisch hilft, und nicht nur mit Worten.

Solidarität habt ihr ja noch gefragt; für mich heißt das, dass man zusammenhält und besonders dann zusammenhält, wenn jemand Hilfe braucht. Wenn jemand in Not ist oder gerade nicht so kann wie sonst, weil er traurig, krank oder allein ist. Dass man dann zu diesem Mensch oder dieser Menschengruppe steht. […]

Ich fands gut, dass ihr noch nach dem Alltag gefragt habt, weil ich finde, es sind nicht immer nur diese riesigen Events […], sondern auch viele kleine Begegnungen mit Menschen, wo man diese Nächstenliebe zeigt. Klar, jeder von uns ist auch nur ein Mensch, ich bin auch nur ein Mensch, ich schaffe das auch nicht immer. Aber […], dass man sich am Tagesanfang mal überlegt: Ich wills heute auch heute wieder versuchen.

Und als Beispiel, weil ich ja diesen Kinderchor leite: da versuche ich den Kindern viel Wertschätzung zu zeigen; dass ich sie immer lobe und dass ich ihnen Raum gebe etwas Neues zu versuchen, sich zu entwickeln, etwas Neues zu lernen. […]

Das ist für mich auch Nächstenliebe, dass man jemand anderen unterstützt und fördert. […]“

ES-Magazin: Viele, man kann fast sagen alle Kirchengemeinden haben Angebote, die diese Werte als Ziel mit verfolgen. Könnten Sie mal ein paar Angebote – vielleicht speziell aus Sittensen oder dem Kirchenkreis – nennen und grob beschreiben, was dort gemacht wird?

Kerstin Heins: „Eigentlich soll das in allen Angeboten vorkommen, finde ich, dass Nächstenliebe gezeigt wird. In einem Chor wird es auch gezeigt, eben wenn die Leute untereinander freundlich sind oder jeder aufgenommen wird und eben nicht gesagt wird: du kannst nicht singen, geh raus!

[…] Mir sind drei Sachen eingefallen, die von Nächstenliebe geprägt sind bei uns in der Kirchengemeinde in Sittensen.

Einmal die Diakonische Hilfe; das ist so ein bisschen die Ergänzung zur Diakoniestation. Das ist wirklich etwas Pflegerisches, wo zum Beispiel Krankenpfleger arbeiten, zu den Leuten nach Hause gehen und denen dann vorwiegend medizinisch helfen. Und die Diakonische Hilfe ist dazu die Ergänzung. Heißt, wenn […] man ein bisschen Unterstützung braucht, um sich selbst was zu kochen oder jemanden braucht, der mit einem spazieren geht oder ein Spiel spielt. […]

ES-Magazin: Heißt das dann auch eher mit dem Ziel, mehr eine psychische und mentale Unterstützung zu sein?

Kerstin Heins: Ja, dazu gehören aber auch wirklich praktische Angelegenheiten, also auch etwas im Haushalt zu helfen zum Beispiel. Das kostet dann auch etwas Geld, aber es gibt vielleicht, das weiß ich jetzt gerade nicht ganz genau, finanzielle Unterstützung von der Krankenkasse, um diese Diakonische Hilfe bezahlen zu können. Jedenfalls soll es etwas sein, wo die Menschen Unterstützung bekommen können.

Zudem gibt es die Suchtkrankenhilfe, das ist eine Gruppe, die sich um Leute kümmern, die mit Süchten Schwierigkeiten haben; also Alkoholsucht, […] Spielsucht natürlich auch. Dies ist eine Gruppe, wo sich die von der Sucht Betroffenen treffen können, wo sie über ihre Schwierigkeiten reden können, wo sie aber auch Ermutigung kriegen von anderen, die schon ein Stück weiter sind, von Menschen, die die Sucht bereits bekämpft haben. […] Diese Gemeinschaft hilft denen ganz stark.

Außerdem gibt es noch den Weihnachtsbasar in Sittensen, der ist allerdings nur einmal im Jahr […]. Dort wird alles, was eingenommen wird, gespendet. Um einige Beispiele zu nennen: Ein Teil des Geldes geht zu einer Suppenküche nach Namibia, zu einer Berufsschule und einem Kinderheim in Kenia. Und an eine Organisation, die organisiert Arzneimittel für Krisengebiete, zum Beispiel jetzt in der Ukraine. […] Das ist dann auch eine Unterstützung über die Ländergrenzen hinaus.“

ES-Magazin: Sind die Angebote, die Sie genannt haben, alle freiwillig oder muss man speziell ausgebildet werden, um in der Diakonie zu arbeiten? Vielleicht kann man ja sogar als Ehrenamtlicher dort hin kommen? Bekommt man da eine Aufwandsentschädigung?

Kerstin Heins: „Bei der Diakonischen Hilfe bekommt man eine Aufwandsentschädigung, man muss aber nicht unbedingt eine pflegerische Ausbildung haben […]. Und der Weihnachtsbasar und die Suchtkrankenhilfe sind jeweils ehrenamtliche Beschäftigungen.“

ES-Magazin: Besonders in der aktuellen Zeit mit dem Ukraine-Krieg ist Solidarität, wahrscheinlich auch in der Kirche, ein großes Thema. Viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland; auch hier zu uns, nach Scheeßel oder Sittensen. Gibt es von der Kirche bestimmte Angebote für Flüchtlinge? Auch sonst kommen immer wieder geflohene Menschen aus Krisengebieten zu uns nach Deutschland, zum Beispiel aus Afghanistan und vielen anderen Ländern.

Kerstin Heins: „Da fallen mir zwei Angebote ein, die ebenfalls vom Diakonischen Werk sind, bei denen aber auch Mitarbeiter der Kirche involviert sind: Die Kleiderkammer und die Tafel. […]; die Kleiderkammer, wo man günstig Kleidung bekommen kann, und die Tafel kennen sicherlich auch die meisten. […]“

ES-Magazin: Das sind dann eher Hilfen mit Sachgegenständen, anstelle von mentaler Hilfe.

Kerstin Heins: „Genau. Zudem gibt es noch Sprachkurse. Die werden zwar von der politischen Gemeinde durchgeführt, aber unsere Kirchengemeinde stellt dafür die Räume. Dort entstehen dann häufig Kontakte untereinander, die natürlich auch helfen. Und die Sprache ist selbstverständlich auch eine große Brücke, wenn Geflüchtete Deutsch sprechen können, können sie hier besser Kontakte knüpfen und sich integrieren.

Außerdem gibt es noch ein Café, das wird von der Freien Evangelischen Gemeinde veranstaltet und organisiert. Da helfen dann aber auch Leute von der Kirche mit. Das Café findet einmal in der Woche statt und da kann jeder kommen. Es wird aber auch bewusst gesagt, dass nicht nur die Geflüchteten kommen können, sondern eben auch Einheimische, um Begegnungen zu ermöglichen. Dass man mal miteinander spricht. Das ist dann ein kommunikatives und ein Kontaktangebot.“

ES-Magazin: Kommen wir nochmal zurück zur Nächstenliebe – Dazu haben wir ein Beispiel aus der Bibel.

Im 3.Buch Mose, Kapitel 18, Vers 19 steht: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.

Was aber, wenn man sich selbst nicht liebt? Kann man dem Gebot der Nächstenliebe dann trotzdem gerecht werden?“

Kerstin Heins: „Ich finde es eine ganz spannende Frage, das so herum auch zu denken. Ich würde sagen, dass geht dann nicht so gut, weil man ja eigentlich nur das weitergeben kann, was man selber auch in sich hat. Und wenn man unglücklich mit sich ist, sich nicht mag, dann kann man das nur schwer ausstrahlen; also dem anderen Freundlichkeit zu zeigen, wenn man mit sich selber unglücklich und nicht im Reinen ist. […] Es ist wichtig, dass man sich selber gut fühlt, dann kann man auch etwas Gutes weitergeben. Und dass man für sich selber auch mal sorgt, das wird ja oft so verstanden:

Ein Christ muss immer allen helfen und ein Christ muss immer für einen da sein. Aber dann ist man irgendwann fertig und ausgebrannt.“

ES-Magazin: Also Sie meinen, wenn man sich selbst so ein bisschen vergisst?

Kerstin Heins: „Ja genau, wenn man sich selbst total vergisst…

Klar, das geht noch eine Zeit lang, aber irgendwann klappt man dann zusammen und ist fertig. Deswegen finde ich das toll, das Gott häufig sagt: Du musst auch an dich denken. Und du musst auch etwas Gutes für dich haben, nur dann kannst du wieder losgehen und das weitergeben. Aber wenn du immer nur denkst ,Ich muss geben, ich muss für alle da sein‘, dann bist du nach einiger Zeit kaputt.“

ES-Magazin: Dann jetzt nochmal zum Abschluss, passend zu unserem Adventskalender und zur Weihnachtszeit, ein weihnachtliches Ende… Was hat für Sie persönlich, vielleicht auch in Ihrer Familie, die Nächstenliebe mit Weihnachten zu tun? Was verbinden Sie damit?

Kerstin Heins: „Ich habe mal überlegt. Für mich ist das auch eine Möglichkeit Liebe zu zeigen, nicht unbedingt mit dem allergrößten und teuersten Geschenk, sondern eher in den Gedanken, die man sich dahinter gemacht hat. Dass man sich etwas Besonderes überlegt hat, etwas, das der andere wirklich gern hat […].

Und vor allen Dingen, die Zeit, die man an Weihnachten gemeinsam verbringt, zeigt auch viel Liebe.

Oder auch so etwas, wie sich einmal die Zeit nehmen und eine Weihnachtskarte zu schreiben. Das schaffe ich zwar auch nicht immer, aber wenn ich meiner Tante etwas schreibe, dann weiß sie, ich habe mir jetzt gerade ein bisschen Zeit genommen für sie und an sie gedacht.“

ES-Magazin: Das geht heutzutage in der Zeit von Handys und anderen elektronischen Mitteln ein bisschen verloren, aber die Karte ist häufig einfach nochmal etwas persönlicher.

Kerstin Heins: „Ja, so eine schöne Postkarte, handgeschrieben, finde ich ziemlich schön.“

Vielen herzlichen Dank für das Interview und gesegnete Weihnachten, liebe Frau Heins!

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