17.12. – *5: #MentalHealthMatters

– Blick hinter die Kulissen

Es ist kein Geheimnis, dass anstehende oder schlecht ausgefallene Klassenarbeiten und haufenweise Hausaufgaben uns Schüler:innen stressen. Doch die Eichenschule lässt uns mit dem (Leistungs-)Druck nicht allein. Neben unseren Beratungslehrkräften Frau Ebeling, Frau Janßen und Herrn Janßen, die jederzeit ein offenes Ohr für alle haben, und dem „Bauwagen der Stille“, wo man in Freistunden oder Pausen ein wenig Ruhe finden kann, bemühen sich auch die anderen Lehrkräfte ihre Schüler:innen bestmöglich zu unterstützen. Wir haben mit unserer ehemaligen Klassenlehrerin Frau Jubin gesprochen, die uns, besonders auch während des Homeschoolings, mit den unterschiedlichsten Methoden unterstützt hat. Wir haben sie für euch gefragt, inwiefern Lehrkräfte überhaupt Einfluss nehmen können, ob sie den Lehrplan in der Verantwortung sieht, auf die mentale Gesundheit von Schüler:innen einzugehen und welche Beobachtungen sie während/nach des Homeschoolings machen konnte:

ES-Magazin: Ist die Schule nicht eigentlich eher das Gegenteil von fördernd für die mentale Gesundheit Jugendlicher? Sie verursacht schließlich Stress, Druck und Ängste oder ist leider oft Schauplatz von Mobbing, Gruppenzwang und Diskriminierung. Wie kann man als Lehrkraft dagegen wirken?

JUB: Jeder Ort, an dem Interaktion stattfindet, kann Schauplatz von Mobbing, Gruppenzwang und Diskriminierung werden. Prüfungsangst, mangelndes Selbstvertrauen und Stress, der sich auch körperlich äußert, kann sich schon früh auch innerhalb der Familie entwickeln. Als Lehrkraft nehme ich erstmal wahr, wie SchülerInnen den Lernraum betreten, wie sie auf Unterrichtsinhalte reagieren und vor allem höre ich zu, wie miteinander gesprochen wird. Damit meine ich, dass ich beobachte, ob sich bezogen auf das Miteinander etwas verändert und dabei hat jede Störung Vorrang. Wird jemand verbal attackiert, körperlich bedrängt oder wird während der Präsentation vor der Klasse pausenlos geredet oder hinter dem Rücken gelästert, thematisiere ich dies als Problem.


ES-Magazin: In einer Klasse mit 25 Personen oder mehr kann schnell mal jemand in den Hintergrund geraten. Wie schaffen Sie es, dass Sie trotzdem jeder als Vertrauensperson sieht und mit Fragen und Problemen zu Ihnen kommt? Wie kann man allen gerecht werden?

JUB: Mindestens einmal am Tag nehme ich rückblickend wahr, dass ich einen Schüler oder eine Schülerin aus dem Blick verloren habe. Ganz häufig übersieht man diejenigen, die stiller sind, weil die extrovertierten Menschen natürlich mehr Raum einnehmen können. Ich versuche es einfach beim nächsten Mal besser zu machen, mich quasi zu korrigieren. Ich mache zu Beginn transparent, welche Rolle ich als Lernbegleiterin habe, dass ich berechenbar bin und dass ich mich bemühe, jederzeit ansprechbar zu sein bei Problemen.

ES-Magazin: Leistungsdruck in der Schule kann einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit der SchülerInnen haben. Inwiefern bekommt man es als Lehrkraft überhaupt mit, wenn solch ein Fall eintritt, und welche Möglichkeiten hat man, seine SchülerInnen zu erreichen und zu unterstützen?

JUB: Häufig bemerkt man den Einfluss von Leistungsdruck, der übrigens auch zu Hause forciert werden kann, dadurch, dass das Lernen an sich schon als Belastung wahrgenommen wird. Hausaufgaben werden nicht gemacht, Arbeiten fallen schlecht aus. Manchmal nehme ich wahr, dass SchülerInnen müde zur Schule kommen oder sogar gehäuft erkrankt zu Hause bleiben. In der Schule wird zum Beispiel über Übelkeit geklagt, auch Panikattacken kommen vor. Im besten Fall sprechen SchülerInnen in Einzelgesprächen über ihre Sorgen und Ängste. Man kann Vorkehrungen schaffen, wenn Klausuren anstehen. Ich habe zum Beispiel immer Traubenzucker, Kaugummis und einen Antistressball dabei. Manchmal helfen auch einfach positive Kraftsätze. Wichtig ist mir, deutlich zu machen, dass nicht immer alles perfekt laufen muss und man durch das Scheitern erst wächst. „Es ruckelt immer ein bisschen, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet“, sagt Pippi Langstrumpf.


ES-Magazin: Inwiefern sehen Sie persönlich die Schule als Institution und den Lehrplan in der Verantwortlichkeit, für mentale Gesundheit bei SchülerInnen zu sorgen, zum Beispiel durch das Einbringen des Themas #mentalsafecare?

JUB: Es ist unumgänglich, dass die Schule sich mit dem Thema „Mentale Gesundheit“ beschäftigt. In erster Linie wollen wir doch, dass die SchülerInnen sich selbstbewusst, engagiert und mitfühlend in unserer Gesellschaft einbringen und das lebenslange Lernen auch als eine Selbstverständlichkeit erfahren. Nur wenn man sich mental stabil fühlt, kann man überhaupt konzentriert lernen. An einem Lernort, der mich ängstigt und verunsichert, wird jeder Lernprozess erschwert.

ES-Magazin: Welche (Unterrichts-)Methoden gibt es oder verwenden Sie, um die psychische Gesundheit positiv zu beeinflussen?

JUB: LehrerInnen machen Beziehungsarbeit. Unsere mentale Gesundheit hängt auch zu einem großen Teil von unseren sozialen Beziehungen ab. Daher versuche ich methodisch, einen Lernraum zu schaffen, der zur Kommunikation untereinander einlädt und auch schwierige Gespräche ermöglicht. Zudem werden regelmäßig Ziele vereinbart, auch in Einzelgesprächen und transparent gemacht, wozu Lerninhalte vermittelt werden. Auch Pausen in Bewegung sind wichtig, sowie Methodenwechsel. Ich gebe Rückmeldungen zu Unterrichtsphasen und Arbeitsverhalten und erfrage regelmäßig Feedback, damit eine Atmosphäre des konstruktiven Lernens entstehen kann.

ES-Magazin: Sie haben früher an einer Schule gearbeitet, an der es keine Noten gab. Inwiefern war das besser für die SchülerInnen selbst und welche Ansätze sollten Ihrer Meinung zum Beispiel an der Eichenschule übernommen werden?

JUB: Noten können Kindern die Lernfreude nehmen. Noten können einer LehrerInnen-Kind-Beziehung auch schaden. Selbst wenn man sich zum Ende des Schuljahres nochmal richtig anstrengt, ist das Zeugnis die Bewertung des gesamten Jahres. Manche SchülerInnen haken ein Fach ganz für sich ab und es herrscht eine Defizitorientierung, die Druck erzeugt. Andererseits wollen SchülerInnen sich auch vergleichen, sind neugierig auf die Ergebnisse anderer und wollen ein Feedback zu erbrachten Leistungen. Selbstverständlich gab es an meiner ehemaligen Schule auch Bewertung über Lernentwicklungsberichte, die in der Anfertigung sehr zeitintensiv waren. Diese Berichte waren voller Wertschätzung für erbrachte Arbeit und formulierten auch Zielvereinbarungen für zukünftige Lernprozesse. Als ernüchternd erlebte ich damals, wenn Eltern mich baten, die Lernentwicklungsberichte in einen Notenbereich zu übersetzen. Wenn sich nicht alles auf den nächsten Test, nächste Klassenarbeit und die nächste Zeugnisausgabe konzentriert und SchülerInnen mehr Eigenverantwortung beim Lernen übernehmen dürfen, in dem sie zum Beispiel eigene Lernprozesse initiieren und ich lediglich beratend zur Seite stehe, macht alles mehr Sinn. Prozesse zu bewerten, ist häufig sinnvoller, als ein in 90 Minuten geschriebener Aufsatz. An der Eichenschule wählen die SchülerInnen beispielsweise den WPK-Bereich nach Neigung. Hier bräuchte es die Bewertung durch eine Note meiner Ansicht nach nicht.

ES-Magazin: Neben dem Leistungsdruck werden die SchülerInnen aber auch durch die aktuellen Krisen belastet. Konnten Sie während des Lockdowns Veränderungen im Verhalten ihrer SchülerInnen feststellen, die vielleicht auf eine schlechtere Psychische Gesundheit hingedeutet haben? Wie haben Sie versucht die mentale Gesundheit im Homeschooling zu unterstützen?

JUB: Während des Lockdowns im Homeschooling habe ich selbstverständlich mehr Verunsicherung bei den Eltern und SchülerInnen wahrgenommen. Es war auch schwierig, einzelne SchülerInnen regelmäßig zu erreichen. Zudem musste man sich ja auch erstmal daran gewöhnen, dass die Klassenlehrerin zu Hause anruft und „nur“ hören will, wie es einem geht. Es kam vor, dass SchülerInnen klagten, weil ihnen der sportliche Ausgleich und die Freunde fehlten. Ich glaube aber, dass es wichtig war, nachzufragen und mit ihnen über ihre Alltagssorgen zu sprechen. Mit den jüngeren SchülerInnen habe ich im Homeschooling Bewegungspausen eingeplant oder auch während des Zeichnens Musik abgespielt. Manchmal sind Kinder während der Videokonferenz in den Garten gegangen oder haben ihre Haustiere gezeigt. Ältere SchülerInnen habe ich in Gruppen arbeiten lassen, sie in ihren Gruppen besucht und viele Audiofeedbacks verschickt. Gerade im Kunstunterricht war es kaum möglich, die zeichnerischen oder malerischen Werke der SchülerInnen adäquat zu bewerten. Die Ausstellung in der Finteler Kirche im Juni 2020 oder die Beteiligung an der ArtOutlet in Visselhövede sind mein Weg gewesen, die Arbeiten meiner SchülerInnen sichtbar zu machen. Ebenso hilfreich war das Paket mit Briefen einer fünften Klasse und gemalten Ostergrüßen für die BewohnerInnen eines Pflegeheims in Scheeßel.

ES-Magazin: Und wie sieht es jetzt nach dem Lockdown aus? Hat sich die mentale Gesundheit im Vergleich zum Homeschooling wieder verbessert? Gibt es einen Unterschied (positiv oder negativ) zwischen der jetzigen Situation und der Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie?

JUB: Manche SchülerInnen haben zu Hause sicher mehr Eigenständigkeit bei der Aneignung neuer Lerninhalte entwickelt. Auch neue Hobbys und mehr Zeit mit Geschwistern und den Eltern haben einige positiv erlebt. Ich muss aber auch feststellen, dass durch die vielen verpassten Gelegenheiten wie das Betriebspraktikum, Exkursionen, Austauschprogramme, Klassenfahrten, etc. die Unsicherheiten bezogen auf die eigenen Fähigkeiten gewachsen sind. Auch haben sich im letzten Jahr Auseinandersetzungen mit den Themen Zukunftsangst, Depression, erhöhter Medienkonsum und allgemeine Antriebslosigkeit gehäuft. Eine Verbesserung kann ich bisher nicht feststellen und eine Unterstützung durch außerschulische Experten ist dringend erforderlich.

Vielen Dank für das Interview!

Über Leistungsdruck reden bei uns vor allem die Leute, die ihm nicht ausgesetzt sind.

Prof. Dr. Kurt Sontheimer

Marika und Paula

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