Dabei sein ist alles !?

Am Sonntag (20. Februar) gingen die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking zu Ende. Das deutsche Team war sehr erfolgreich und beendet die Spiele auf Platz 2 im Medaillenspiegel hinter den noch stärkeren Norwegern. Insgesamt konnten die Deutschen sich über 12 goldene, 10 silberne und 5 bronzene Medaillen freuen. Hier ein Überblick, wer mit Übergepäck zurückreisen darf:

Gold:

Johannes Ludwig – Rodeln

Denise Herrmann – Biathlon-Einzel über 15 Kilometer

Natalie Geisenberger – Rodeln

Vinzenz Geiger – Nordische Kombination

Tobias Wendl und Tobias Arlt – Doppelsitzer Rodeln

Natalie Geisenberger, Johannes Ludwig, Tobias Wendl und Tobias Arlt – Rodeln Staffel

Christopher Grotheer – Skeleton

Hannah Neise – Skeleton

Francesco Friedrich und Thorsten Margis – Zweierbob

Victoria Carl und Katharina Henning – Skilanglauf Teamsprint klassisch

Laura Nolte und Deborah Levi – Zweierbob

Francesco Friedrich, Candy Bauer, Thorsten Margis und Alexander Schüller – Viererbob

Silber:

Katharina Althaus – Skispringen Kleinschanze

Anna Berreiter – Rodeln

Toni Eggert und Sascha Benecken – Doppelsitzer Rodeln

Axel Jungk – Skeleton

Victoria Carl, Katharina Hennig, Sofie Krehl und Katherine Sauerbrey – Langlaufstaffel

Johannes Lochner und Florian Bauer – Zweierbob

Vinzenz Geiger, Eric Frenzel, Manuel Faisst und Julian Schmid – Staffel Nordische Kombination

Mariama Jamanka und Alexandra Burghardt – Zweierbob

Emma Aicher, Lena Dürr, Julian Rauchfuss, Alexander Schmid, Linus Strasser – Parallel Mixed Team (Ski Alpin)

Johannes Lochner, Florian Bauer, Christian Rasp und Christoph Weber – Viererbob

Bronze:

Karl Geiger – Skispringen Großschanze

Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe und Constantin Schmid – Team Skispringen Großschanze

Christoph Hafer und Matthias Sommer – Zweierbob

Denise Herrmann, Vanessa Hinz, Franziska Preuss und Vanessa Voigt – Biathlon Staffel, 4×6 Kilometer

Daniela Maier – Ski Freestyle / Ski Cross

Aber auch die AthletInnen, die nicht mit einer Medaille nach Hause reisen, dürften keinesfalls enttäuscht sein, denn es gilt: „Dabei sein ist alles!“. Die Olympischen Spiele sind immer etwas ganz Besonderes – in diesem Jahr sogar in zweierlei Hinsicht, denn wie auch die Sommerspiele im vergangenen Jahr standen die Spiele wieder ganz im Zeichen der Corona-Pandemie: Sorgen um die Omikron-Variante, keine ausländischen Besucher und extrem strenge Hygiene- und Testvorschriften. Für die AthletInnen bedeutete das, ein Aufenthalt in der olympischen Blase ohne Freunde und Familie bei den Wettkämpfen, dafür jede Menge Kontrollen, ein Haufen Corona-Tests und Masken, die strahlende Sieger-Gesichter verdeckten. Ein positives Testergebnis und die Spiele waren für den einen oder anderen bereits vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hatten. So erging es auch dem Nordischen Kombinierer Terence Weber, der seine Tage in Peking im Quarantäne-Hotel verbringen musste und ohne Wettkampfteilnahme zurückreisen muss. Neben zahlreichen Corona-Fällen, die einige Favoriten frühzeitig aus dem Rennen kegelten, gab es noch einige weitere Vorfälle, die das Aufsehen der ZuschauerInnen erregten:

– Beim Mixed-Wettbewerb im Skispringen wurden gleich mehrere Springerinnen aufgrund zu großer Anzüge disqualifiziert. Unter den Disqualifizierten war auch die Deutsche Katharina Althaus, die zuvor im Einzel die Silbermedaille geholt hatte und in ihrer gesamten Karriere noch nie disqualifiziert worden war. Den hochgehandelten Favoriten aus Deutschland blieben durch die Disqualifikation, die bei vielen ZuschauerInnen, AthletInnen und Staff-Mitgliedern für Irritationen sorgte, alle Medaillenchancen verwehrt, denn nach dem ersten Durchgang war bereit Schluss für die Adler um Karl Geiger.

– Im Ski Cross konnte die Deutsche Daniela Maier sich nicht gegen ihre starken Konkurrentinnen durchsetzen und wurde im Finale nur Vierte. Oder doch nicht? Die Jury überprüfte das Rennen nochmal und plötzlich war Maier doch auf dem Podium. Der Videobeweis hatte ihr die Bronzemedaille verschafft. Die eigentliche Drittplatzierte, die Schweizerin Fanny Smith, wurde disqualifiziert, weil sie die hinter ihr fahrende Maier behindert hatte.

– Die erst 15-jährige Kamila Walijewa (Valieva) ist der Star der Olympischen Spiele. Gemeinsam mit dem Team des Russischen Olympischen Komitees holt sie die Goldmedaille im Teamwettbewerb der Eiskunstläuferinnen und wird bereits als sichere Kandidatin für eine Medaille im Einzelwettbewerb gehandelt, nach einem erfolgreichen Kurzprogramm ist sie auf Goldkurs. Doch dann kommen Doping-Gerüchte auf, die wenig später bestätigt werden. Allen Außenstehenden ist sofort klar, dass die minderjährige Athletin ein Opfer ihrer erfolgsbessenen Trainer geworden sein muss. Da das Eiskunstlauf-Talent noch minderjährig ist, wird es nicht vom Wettbewerb ausgeschlossen und darf seine Kür im Kampf um die Medaillen gegen die Landsleute laufen. Doch der Druck ist einfach zu groß für so ein junges Mädchen. Der sonst so sicheren Läuferin gelingt in der Kür fast nichts, ihre anspruchsvollen Sprünge endeten meist mit einem Sturz und Valieva quält sich sichtbar bis zum Ende, denn Aufgeben gibt es in dieser Sportart nicht. Schließlich verlässt die Teenagerin das Eis unter Tränen, nur um gleich darauf mit den Vorwürfen ihrer Trainerin konfrontiert zu werden. Diese zeigt keinerlei Mitgefühl mit Valieva, sondern fragt nur immer wieder, warum sie nach dem ersten Sturz aufgegeben und nicht weiter gekämpft habe. Szenen, die weltweit für Entsetzten bei Zuschauern und Experten sorgten. Eiskunstlauf-Ikone Katarina Witt vergoss sogar ein paar Tränen. Ihr fehle das Verständnis, warum ein so vielversprechendes Talent wie die junge Kamila Valieva so kaputt gemacht werde.

Es gab wohl kaum Olympische Spiele, die so umstritten waren wie die in Peking. Neben zahlreichen Diskussionen über sportliche Entscheidungen, war natürlich auch das Ausrichten der Spiele trotz der wütenden Pandemie ein Streitpunkt. Doch um bei Olympia dabei zu seien, nahmen die AthletInnen einiges Kauf, nicht nur ihr eigenes Gesundheitsrisiko. Auch über die politische Lage des Gastgeberlandes wurde hinweggesehen, dabei sein ist schließlich alles, oder?

Zumindest die politischen Vertreter Nordamerikas sahen das anders, sie boykottierten die Spiele öffentlich. Viele andere Länder kritisierten China bevor die Spiele begann ebenfalls, ließen aber keine Taten folgen, zumindest nicht mit entsprechendem Signal an die Öffentlichkeit. Die Politisierung der Spiele war ebenfalls ein weltweites Streitthema, noch nie waren die Spiele so politisch wie in diesem Jahr. Warum ist das so?

Insbesondere im Zusammenhang mit den Menschenrechten wird China seit Jahren vorgeworfen, diese weitreichend zu verletzen, weshalb im Zuge der Olympischen Spiele kritisiert wird, man würde China eine Bühne für seine Propaganda geben, um sich von der besten Seite präsentieren und eben solche Menschenrechtsverletzungen verschleiern zu können. Das erschütterndste Beispiel für diese Menschenrechtsverletzungen ist die systematische Verfolgung einer ethnischen Minderheit – der Uiguren. Chinas Regime lässt sie verfolgen und in sogenannte Umerziehungslager sperren. China weist dies trotz Bildern und Zeugen zurück und setzte sogar eine uigurische Langläuferin als Fackelläuferin bei der Eröffnungszeremonie ein – dies, um die Wahrheit zu vertuschen und die Olympischen Spiele gegen die Werte dieser zu politisieren, so die Kritik.

Weitere Vorwürfe gegen China sind, dass das Land die Unabhängigkeit und Souveränität Taiwans nicht anerkennt und das kleine Nachbarland zum eigenen Staatsgebiet zählt. Auch ein Einmarsch Chinas nach Taiwan wird nicht ausgeschlossen. Wer außerdem Taiwan als eigenständigen Staat in China bezeichnet, muss mit einer Festnahme rechnen. Auch an diesem Beispiel erkennt man, dass die BürgerInnen in China kaum noch Freiheiten besitzen. Meinungsfreiheit oder Pressefreiheit sucht man vergebens – durch das sogenannte „Sicherheitsgesetz“ wird die Festnahme von unabhängigen und regimekritischen Journalisten gerechtfertigt sowie die der AktivistInnen für Demokratie und Freiheit. Oft tauchen sie nach der Festnahme und Schauprozessen nie wieder auf.

Im vergangenen Jahr schon blickte die Welt besorgt auf China, als die chinesische Tennisspielerin Peng Shuai Missbrauchsvorwürfe gegen einen Politiker erhebt und darauf von der Bildfläche verschwindet. Erst vor ein paar Wochen, vor den Olympischen Spielen, tauchte sie wieder auf und beteuerte, ihr gehe es gut, alles sei ein großes Missverständnis gewesen und man solle sich nicht in ihr Privatleben einmischen – sehr glaubwürdig ist dies jedoch nicht.

Ein anderer sehr großer Kritikpunkt an dem chinesischen Regime sind seine Überwachungsmechanismen. Alle BürgerInnen besitzen eine bestimmte Anzahl an Punkten, nach denen ihr soziales Verhalten und Verhalten gegenüber dem Regime beurteilt wird. Je mehr man das Regime lobt, desto mehr Punkte erhält man. Die Anzahl der Punkte kann dann am Ende viele behördliche Entscheidungen beeinflussen. Aber auch während der Olympischen Spiele gab es eine besondere Art der Überwachung für die internationalen Gäste. Alle ausländischen Gäste und Teilnehmer benötigten eine spezielle App „My2022“, mit der chinesische Behörden anscheinend auch den Standort aller NutzerInnen jederzeit abgreifen könnten, niemand weiß, ob sie es tatsächlich tun. Auch Nachrichten auf den Handys der NutzerInnen könnten mitgelesen werden.

Auch in Bezug auf Corona waren diese Olympischen Winterspiele eher einzigartig. Schon im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio hatte es strenge Regeln gegeben, um Infektionen so gut es ging zu vermeiden. China hat dafür nun eine sogenannte „Bubble“ geschaffen: Die Teilnehmer-Teams dürfen sich der Bevölkerung unter keinen Umständen nähern. Es gab sogar die eher lächerliche Anweisung diesbezüglich an die Bevölkerung, bei einem Autounfall eines der AthletInnen-Busse nicht zu helfen, um Ansteckungen nicht zu riskieren. JournalistInnen, die sich zur Zeit der Spiele in Peking aufhielten, durften sich AthletInnen unter keinen Umständen nähern – sie gehörten nicht zu der athletischen „Corona-Bubble“. Täglich mehrfache PCR-Tests mussten zum Alltag für alle Beteiligten werden.

Insgesamt war die Situation für die JournalistInnen sehr gewöhnungsbedürftig: Da sie sich den AthletInnen zum Großteil eben nicht nähern durften, mussten Fragen vorher schriftlich eingereicht werden, von denen einige ausgewählt und von besonderen Journalisten, die zur athletischen „Bubble“ gehörten, vorgelesen wurden. Die Antworten der AthletInnen gab es in einem Video zu sehen. Jedoch hatten so chinesische Pressesprecher immer theoretisch die Möglichkeit, kritische Fragen auszusortieren.

Diese Möglichkeit ist sogar nicht sehr unwahrscheinlich, da eine chinesische Pressesprecherin zu Beginn der Spiele den AthletInnen und JournalistInnen damit gedroht hatte, sie dürften sich während der Wettkämpfe nicht kritisch zum chinesischen Regime äußern und wenn, würden sie dafür selber die Verantwortung tragen – im Klartext bedeutete das: Kein Wort gegen China, sonst wird das sicher nicht wenige Konsequenzen nach sich ziehen.

Trotz all dieser berechtigten Kritik an China hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) China bis zum Schluss unterstützt und sich bei der Abschlussfeier wortwörtlich vor Chinas Überwachungs-Regime verneigt. Der Deutsche, Thomas Bach, Vorsitzender des IOC, erwiderte auf die Kritik immer nur, man wolle die Olympischen Spiele gemäß der Tradition nicht politisieren. Jedoch hat genau der Gastgeber China, den Bach damit verteidigt, dies längst getan. China hat diese Olympischen Spiele nämlich dazu genutzt, sich auf der internationalen Bühne mit allen vermeintlichen „guten Seiten“ zu präsentieren und alle Vorwürfe und Kritik durch Selbstinszenierung oder Propaganda zu verschleiern. Natürlich stellt sich bei Bachs Aussage auch die Frage, ob er Menschenrechte als verhandelbar ansieht, so wie er die Debatte darum als „Politisierung“ bezeichnet. Im Zuge dessen werden aktuell auch die Forderungen immer lauter, die Olympischen Spiele nur noch in Staaten stattfinden zu lassen, die die Menschenrechte einhalten oder sie ganz abzuschaffen.

Paula und Marika

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