Adventskalender Türchen 24: Weihnachten in der Buchanan Street

Weihnachten. Das schönste Fest des Jahres.

Gott, ich hasse Weihnachten. Für mich war es nicht die besinnlichste Zeit des Jahres, sondern die Zeit, in der mir klar wurde, wie beschissen mein Leben in Wirklichkeit war. Seit mein Vater vor drei Jahren gestorben war, lebten wir in einer kleinen, engen Wohnung in der Londoner Buchanan Street 17a, welche im eher beschaulichen Viertel Londons lag, sodass der ganze Weihnachtszauber der Stadt an uns vorbeiging. „Wir“, das waren abgesehen von mir, mein kleiner Bruder Charlie, meine kleine Schwester Chloe, die mitten in der Pubertät steckte, und meine Mutter. Diese jedoch arbeitete seit dem Tod meines Vater ununterbrochen als Rezeptionistin in einem kleinen Hotel, um ein wenig Geld zu verdienen und uns mit Ach und Krach über Wasser zu halten. Damit wir auch noch ein wenig Geld hatten, das wir für uns sparen und ausgeben konnten – zum Beispiel für Kleidung oder ein Restaurant-Besuch, auch wenn der dann nicht so edel war – arbeitete ich neben der Schule zusätzlich in einem Café, trug Zeitung aus und verkaufte dreimal in der Woche Popcorn und Nachos in einem Kino. Dazu musste ich als ältestes Geschwisterkind auch noch auf die beiden Kleineren aufpassen und sie andauernd irgendwo hinbringen und anschließend wieder abholen, Essen machen und die Wohnung putzt sich auch nicht von allein.

Normalerweise war ich also jeden Tag gut beschäftigt, selbst am Wochenende. Nur direkt an Feiertagen hatte ich ein wenig Pause, da Chloe und Charlie nirgendwo hin wollten und ich weder zur Schule noch zur Arbeit musste. Das war vermutlich das Schönste an Weihnachten. Traurig, oder? Denn der Rest an Weihnachten war genauso schlimm wie sonst. Chloe kam nicht aus ihrem Zimmer und telefonierte andauernd mit ihren Freundinnen, während Charlie mich bat, mit ihm zu spielen. Und meine Mutter arbeitete, was auch sonst. Wahrscheinlich war Weihnachten daher so schlimm für mich; überall kamen Familien zusammen, um zu feiern. Und bei mir? Bei mir war der Großteil der Familie tot, redete nicht mehr mit uns oder arbeitete den ganzen Tag.

24.Dezember:

Genervt schlug ich die Augen auf. Bereits seit zehn Minuten hörte ich Chloe, die ihr Zimmer direkt neben meinem hatte, lautstark mit ihren Freundinnen telefonieren. Und das um 7 Uhr morgens. Ich hatte versucht es zu ignorieren und nochmal einzuschlafen, aber bei Chloe’s Gerede über Schminke und ihr Outfit für das Weihnachtsfest, war dies einfach unmöglich. Auch Charlie, mit dem ich ein Zimmer teilte, war bereits davon aufgewacht. Also quälte ich mich widerwillig aus meinem warmen Bett und forderte Charlie auf, gemeinsam mit mir das Frühstück vorzubereiten. Nachdem wir uns im Bad fertig gemacht hatten, zogen wir uns unsere warmen Mäntel an und gingen zum Bäcker. Normalerweise gab es bei uns zum Frühstück nur Müsli, doch wenigstens an Weihnachten gönnten wir uns ein paar Brötchen. Der Bäcker war ein paar Straßen von unserem Wohnblock entfernt, sodass wir erst durch den zugeschneiten Park laufen mussten. Charlie war davon natürlich sehr begeistert und versuchte mich mit Schneebällen zu attackieren. Mit vom Schnee durchnässten Mänteln betraten wir kurze Zeit später den Verkaufsraum, in dem es herrlich nach frisch gebackenen Plätzchen duftete. Nachdem wir die Bäckerei mit einer kleinen Tüte wieder verlassen hatten, zupfte Charlie an meiner Jacke und fragte: „Du Ada? Können wir auch Kekse backen? Oder glaubst du, dass der Weihnachtsmann mir welche zusammen mit dem Spielzeugauto, dass ich mir von ihm wünsche, in den Socken steckt?“ In Momenten wie diesen wurde mir immer wieder schmerzlich bewusst, wie arm wir eigentlich waren. Charlie, der mit seinen sieben Jahren noch an den Weihnachtsmann glaubte, hatte unzählige Male von dem Auto, dass alle seine Klassenkameraden besaßen, gesprochen. Natürlich hatte ich meiner Mutter davon berichtet, doch wir konnten es uns nicht leisten. Bereits jetzt konnte ich Charlies enttäuschtes Gesicht vor mir sehen, wenn er beim Öffnen seines Strumpfes nur ein paar neue Socken und einen selbstgestrickten Pullover anstatt des coolen Rennautos vorfinden würde. „Was ist?“, riss mich Charlie aus meinen Gedanken. „Nichts, nichts. Komm lass uns nach Hause gehen. Und wenn wir fertig gefrühstückt haben, dann backen wir ein paar Plätzchen nach Omas Geheimrezept, was hältst du davon?“ Charlie war von meinem Vorschlag natürlich hellauf begeistert und sein freudiges Lächeln brachte auch mich dazu, die Mundwickel ein Stück weit nach oben zu ziehen, auch wenn mir bewusst war, dass unsere Mutter keineswegs von unserer Backaktion begeistert sein würde. Im Moment sparte sie wo es nur ging, um meiner Schwester die Klassenfahrt im nächsten Frühjahr zu ermöglichen, weshalb sie auch keine Lebensmittel verschwendete. Das Backen von Keksen gehörte für sie dazu, denn von dem süßen Gebäck wurde niemand satt. Aber ich wollte Charlie wenigstens ein bisschen Weihnachtszauber ermöglichen. Im Gegensatz zur mir liebt er Weihnachten.

Ein paar Stunden später war unsere Küche in ein heilloses Durcheinander verwandelt worden. Überall klebten Reste vom Teig und Mehl war über die gesamte Arbeitsfläche verteilt worden. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass unsere Mutter in weniger als einer Stunde hier sein würde, um das Abendessen vorzubereiten. Also scheuchte ich Charlie aus der Küche und machte mich ans Aufräumen und Saubermachen. Kurz bevor ich unsere Mutter an der Haustür mit dem Schlüssel hantieren hören konnte, beseitigte ich die letzten Spuren unserer Weinachtsbäckerei. Als Mom schließlich gemeinsam mit meinen kleinem Bruder die Küche betrat und die frischen Plätzchen auf der Theke stehen sah, warf sie mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, da Charlie ihr stolz einen Keks zum Probieren unter die Nase hielt.

Sie scheuchte Charlie mit dem Auftrag Chloe ein paar Kekse ins Zimmer zu bringen aus der Küche. Dann öffnete sie ihren Mund, vermutlich um mir die gleiche Predigt über Lebensmittelverschwendung zu halten, die ich immer zu hören bekam, wenn Charlie und ich etwas backten. Aber diesmal kam ich ihr zu vor: „Ich weiß, ich soll nicht backen, aber ich wollte Charlie wenigstens ein wenig Weihnachtszauber ermöglichen. Denn lass mich raten, wie auch letztes Jahr und vorletztes Jahr hatten wir wieder kein Geld, Charlie sein gewünschtes Geschenk zu kaufen, was?“ „Ada…es-“ „Nein, Mom!“ Charlie wird wie letztes Jahr wieder in die Schule kommen und alle haben teure, wundervolle Geschenke bekommen. Nur er hat wie immer einen hässlichen Pulli bekommen, für den ihn alle auslachen werden! Ich weiß, dass es hart ist. Ich habe auch drei Jobs, um dich zu unterstützen, und das mache ich ohne zu meckern, aber du musst dir wirklich einen neuen Job suchen. Ich weiß, du willst dich damit nicht auseinandersetzen und so wenig wie möglich zu Hause sein, um nicht an Dad zu denken, aber du bist nicht die einzige, die ihn verloren hat! Auch ich, Chloe und Charlie haben ihn verloren! Aber das Schlimmste daran ist, dass wir mit seinem Tod auch noch dich verloren haben. Sieh endlich den Tatsachen ins Gesicht und akzeptier‘, dass er weg ist! Weg! Und er wird nicht wiederkommen! Aber wir sind noch da und du hast Verantwortung zu übernehmen. Wenigstens gegenüber Charlie!“

Aus Angst vor einer wütenden Antwort meiner Mutter kniff ich die Augen zusammen. Aber eine solche Antwort kam nicht – es kam gar keine. Es breitete sich eine Stille zwischen uns aus, die tausend mal schwerer zu ertragen war, als es eine Standpauke gewesen wäre. Nach einiger Zeit, die sich wie Stunden angefühlt hatte, sagte Mom drohend ruhig: „Bevor du deiner eigenen Mutter weiter etwas unterstellst und vorwirfst, nicht genug da zu sein, ohne irgendwas wirklich zu verstehen, solltest du lieber in dein Zimmer gehen und dort gefälligst auch bleiben.“ Ich sah meiner Mutter enttäuscht in die Augen und schluckte hart, um die Tränen zu unterdrücken, dann drehte ich mich um und rannte in mein und Charlies Zimmer, dass ich an diesem Tag auch nicht mehr verließ.

Irgendwann hörte ich wie Charlie ins Zimmer kam und mir eine gute Nacht wünschte. Doch ich reagierte nicht. Mein Blick war starr an die Wand gerichtet und ab und zu bahnte sich eine Träne den Weg über meinen Wange, bevor sie vom Kissen aufgesogen wurde. Ich hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen. Es war nicht richtig, meine angestaute Wut an Mom auszulassen.

Ich wusste nun nicht, wie es weitergehen sollte. Der Streit mit meiner Mutter hatte meine Gedanken auf meine Zukunft gelenkt. Ich war bald mit der Schule fertig, aber ich hatte keine Ahnung, was ich danach mit meinem Leben anfangen sollte. Mein Traum war es Pilotin zu werden, aber dafür reichten unsere Ersparnisse bei Weitem nicht. Und auch ein Studium konnte ich mir abschminken. Ich würde wohl eine Ausbildung machen und hoffen müssen, dass ich dabei genug verdiente, um meine Familie unterstützen zu können oder wenigstens gute Arbeitszeiten zu haben, sodass ich mit Nebenjobs etwas Geld in die Familienkasse bringen konnte. Ausziehen stand gar nicht zur Debatte. Ich konnte meine Geschwister nicht alleine bei meiner Mutter lassen und außerdem waren Wohnungen in London verdammt teuer. Es war ja schon schwierig genug die Mietkosten für unsere jetzige Wohnung zu decken und anscheinend wollte meine Mutter auch keinen anderen Job…

Am nächsten Morgen wurde ich von Charlie geweckt, der euphorisch auf mein Bett sprang und mich aufforderte endlich aufzustehen, damit er seine Geschenke auszupacken konnte. Ich lächelte ihn an und versprach, in fünf Minuten fertig zu sein. Daraufhin verließ er das Zimmer, um Mom und Chloe zu wecken. Wenig später waren wir dann alle vor unserem Backofen versammelt, an dem unsere Socken hingen, da wir keinen Kamin hatten. Aber Charlie war vor einigen Jahren der Meinung gewesen, dass der Weihnachtsmann genauso gut durch den Backofen klettern könne. Mom durfte in ihren Strumpf als erste hereinschauen, so hatte es das Los entschieden. In ihrem Socken befanden sich neue Topflappen und ein Paar Wollsocken. Dann war Chloe an der Reihe. Sie bekam etwas Schminke und ebenfalls ein Paar Socken. In meinem Socken befanden sich ein Buch und ein paar Stifte. Charlie war als letzter dran. Vorsichtig löste er das Schleifenband von seinem Socken. Dann zog er einen knallgrünen Strickpullover und zwei Paar Socken mit lustigen Motiven heraus. Die Enttäuschung über das Fehlen des Autos war ihm ins Gesicht geschrieben. Mom setze bereits an Charlie etwas zu trösten, als dieser sagte: „Ist schon okay, Mom. Es kann eben nicht jedem so gut gehen wie meinen Freunden. Wir haben halt nicht so viel Geld, aber wir haben uns. Das ist doch auch wichtig.“ Ich sah meine Mutter mit Tränen in den Augen an und flüsterte eine Entschuldigung. Charlie’s Worte hatten mir nämlich schlagartig in Gedanken gerufen, dass es okay ist, wenn Mom noch Zeit braucht, um unsere Situation zu akzeptieren und dass ich gleichzeitig meine Träume niemals aufgeben sollte. Denn ich hatte, wie Charlie gesagt hatte, das wichtigste überhaupt:

Eine Familie, die einander verzieh, in guten und in schlechten Zeiten immer für einander da war, alles Erdenkliche mit einander durchgestanden hat und es auch weiterhin tun wird.

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