Noch Mauern im Kopf?

„Für die Ostdeutschen hat sich mit der Wende alles geändert, für die Westdeutschen nur die Postleitzahl“ – Thomas de Maizière (Innenminister von 2009-2017)

9.November 1989. Die „Heute-Nachrichten“ um 19 Uhr mit Günter Schabowski, der nichts Neues berichtet, alles ist völlig normal. Gegen Ende der Sendung zieht er plötzlich einen Zettel aus der Tasche seines Jackets und verkündet, dass ab sofort kein Visum mehr nötig sei, um aus der DDR auszureisen. Die Grenzen wurden geöffnet. Sofort. Jetzt echt? Auf einmal doch? Weitere Bilder folgten und das, was keiner zu Glauben vermochte, wurde bestätigt. Deutschland war wieder vereint, zumindest symbolisch. (Wenn wir die Tatsache, dass die Verkündung eigentlich ein Versehen war und die Grenzen noch gar nicht sofort geöffnet werden sollten, außer Acht lassen)

10.November 1989, 11Uhr. Der erste Trabbi rollt über die Grenze. Dann noch einer. Und noch einer. Die West-Deutschen bejubeln die einreisenden DDR-Bürger. Verwandte und Freunde fallen sich in die Arme. Ein unvergesslicher Moment.

Vor 60 Jahren wurde die Mauer gebaut, vor 32 Jahren ist sie gefallen. Geblieben sind nur eine Schwelle aus Pflastersteinen und Erinnerungen. Aber, haben wir noch Mauern in unserem Kopf?

Die „Ossis“ – Migranten, Kindermörderinnen, latent rechts wählend, Hang zum Hooliganismus. Das sind einige der pauschalen Verurteilungen, mit denen die ehemaligen DDR-BürgerInnen auch heute noch zu kämpfen haben. Die „Wessis“, die sich selbst als Norm betrach(te)ten (weiß, heterosexuell und bürgerlich), grenz(t)en sich als Gruppe klar von den Ostdeutschen ab.

Die Nachwendezeit war nicht einfach für die Ostdeutschen, denn viele verloren ihren Job und standen am Rande ihrer Existenz. Auf einmal waren sie mit völlig anderen Lebensumständen konfrontiert, die Grundsätze der DDR galten nicht mehr. Jeder konnte ein Auto kaufen und um Bananen oder andere Güter, die es in der DDR nicht gab, beziehungsweise die als Luxusgüter galten, zu erwerben, mussten sie plötzlich einfach nur noch in den nächsten Supermarkt gehen. Für die Ostdeutschen war das vorher unvorstellbar, für die Westdeutschen Alltag. Für die Westdeutschen war es eher unvorstellbar, dass die Ostdeutschen auf das alles verzichten mussten.

Für die Generation unserer Großeltern, die ja sowohl den Mauerbau als auch den Mauerfall miterlebt hat, war der Mauerbau etwas, das schwer zu begreifen war, vor allem da viele keine Fernseher hatten und sich das Ausmaß bildlich kaum vorstellen konnten. Die Ostdeutschen wurden einfach eingemauert. Aber auch das war schnell wieder vergessen, da man als Westdeutscher kaum Veränderungen erlebte. Außerdem waren unsere Großeltern damals selber noch Kinder, die sich nicht allzu sehr mit dem Weltgeschehen beschäftigten. Für sie war die Mauer letztendlich normal, schließlich sind sie damit aufgewachsen.

Aber auch der Mauerfall 28 Jahre später hatte für sie keine besonders große Bedeutung. Natürlich bekam man die Geschehnisse mit, aber wenn man keine Freunde oder Familie im Osten und somit keine Berührungspunkte mit der DDR hatte, dann war es lediglich ein Ereignis, von dem man wusste, dass es in die Geschichte eingehen würde.

Auch für unseren Eltern spielte in ihrer Kindheit die Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland keine besonders große Rolle, auch sie sind damit aufgewachsen. Die DDR war für sie wie ein anderes Land auch, nur dass es mehr Sicherheitsvorkehrungen gab, als wenn man zum Beispiel nach Österreich oder in die Schweiz einreisen wollte. Über die Wiedervereinigung waren sie natürlich froh, auch weil man mitbekam, wie schlecht es den Ostdeutschen teilweise ging, aber Veränderungen spürten sie kaum, außer dass es kaum noch günstige Autos zu kaufen gab, da die Ostdeutschen alles aufkauften.

Bei einer Sache sind sich beide Generationen einig: es war kein schönes Gefühl sich in der DDR aufzuhalten, sei es ein Ausflug mit der Schule oder eine Reiseangebot der Feuerwehr gewesen. Bei der Einreise wurde alles genauestens überprüft, selbst eine falsch eingetragene Augenfarbe auf dem Ausweis konnte für Probleme sorgen. Auch während des Aufenthalt selbst war man stets darauf bedacht nicht aufzufallen. Richtig durchatmen konnten man erst, wenn man wieder auf der westdeutschen Seite angelangt war.

Also, gibt es noch Mauern im Kopf?

Bevor wir uns mehr mit der Frage beschäftigt und ausführlich für diesen Artikel recherchiert haben, hätten wir ganz klar „nein“ gesagt. Für unsere Generation ist ein vereintes Deutschland die Normalität, es gibt für uns keine Unterschiede zwischen Ost und West. Die Trennung zwischen DDR und BRD ist für uns absolut unvorstellbar und es fällt einem teilweise sehr schwer, die Erzählungen unserer Eltern und Großeltern politisch wie geschichtlich einzuordnen. Der Mauerfall lag nur ungefähr 15 Jahre zurück, als wir geboren wurden. 15 Jahre, das ist nicht lang. Trotzdem kommt es uns so vor, als wäre es eine Ewigkeit her…

Nach unserer Recherche wurde uns aber bewusst, dass es sehr wohl noch Mauern in den Köpfen gibt. Aber teilweise auch anders als man denkt. Es sind nämlich mehr Ostdeutsche, die Vorurteile gegenüber den Westdeutschen haben als anders herum, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zeigt. Die Westdeutschen seien arrogant, immer auf das Geld aus, bürokratisch und oberflächlich. Außerdem empfinden sich sich Menschen aus Ostdeutschland sogar als „Bürger zweiter Klasse“, sie sehen ihre Lebensumstände als Diskrimierung an: die Infrastruktur und Häuser sind zwar weitgehend modernisiert und ausgebaut, allerdings lagen die Löhne und die Rente auch nach der Wiedervereinigung noch lange durchschnittlich deutlich unter denen der Westdeutschen.

Aber auch die Westdeutschen haben ihre Vorurteile noch nicht gänzlich abgelegt. Laut Umfragen führender Meinungsforschungsinstitute sind die „Ossis“ aus Sicht der „Wessis“ angeblich unzufrieden, neidisch, misstrauisch und ängstlich und nur 43% der Westdeutschen schreiben den Ostdeutschen Eigenschaften wie „leistungsbereit“ und „flexibel“ zu. Außerdem führte der Solidaritätsbeitrag, eine Abgabe die den Wiederaufbau Ostdeutschlands finanziert, zu Unmut, denn die Westdeutschen betrachten sich als ewige Zahlmeister. Allerdings vergessen sie dabei ganz schnell, dass diese Sondersteuer auch von den Ostdeutschen bezahlt werden muss.

Gibt es noch Mauern in unseren Köpfen? Ja, NOCH. „Der Anteil derjenigen, die mehr Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sehen, ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen“, stellte ein ein Allensbach-Forscher fest. Wann die Mauern in den Köpfen vollständig verschwunden sein werden, lässt sich nicht vorhersagen, aber dass es irgendwann soweit sein wird, steht fest, besonders da die nachfolgenden Generationen selbst keine Berührungspunkte zu dem Thema mehr haben…

Von Marika Münkel und Paula Holste

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