How-to-Homeschooling

Stellt euch vor, ihr würdet in der Zeit zurückreisen. Eine Zeit vor der Corona-Krise, eine Zeit ohne Schnutenpullis oder Coronaidioten. Fröhliche Kinder auf dem Schulhof, Partys mit Hunderten von Leuten. Ihr steht in einer Menschenmenge und werdet von vielen komisch angeschaut. Wieso trägt die eine Gesichtsmaske? Ist das eine Terroristin? Ist das eine Windel fürs Gesicht? Ihr schaut euch die Kinder an, die noch gar nicht wissen, was in ein paar Wochen passiert, denkt an die Komplikationen, die ihr zu Anfang des Homeschoolings hattet und kommt auf eine Idee. Wäre es nicht super, wenn ich die Kinder auf das Homeschooling vorbereite, ihnen zeige, wie sich ein verantwortungsbewusster Schüler verhält?

Deswegen heiße ich euch herzlich willkommen zu “How-to-Homeschooling”.

Montag morgen, trotz eisigen Temperaturen scheint die Sonne und um 7:30 Uhr fängt die Schule an. Wie jeder vorbildlicher Schüler wache ich genau 26 Sekunden vor Beginn der Deutsch-Videokonferenz auf um auch motiviert dabei zu sein. Ich hole mein Ipad, „klapp” und sehe direkt 8 unerledigte Aufgaben. Mittlerweile ist es 7:30, ich habe absolut keinen Bock mehr, doch kratze meine letzte Motivation zusammen. “Bi-Biep” und schon kann der Alptraum beginnen. Punkt 1 auf der Tagesordnung – Anwesenheitskontrolle. Einmal bitte Kamera und Mikro an. Im Chat gebe ich dann kurz Bescheid, dass Kamera und Mikro aus unerklärlichen Gründen nicht funktionieren. Im Unterricht geht es um Goethe, Prometheus und andere tote Typen, die meinen, die Weisheit mit dem Löffel gefressenen zu haben. Auch wenn ich mich gerade nicht auf Instagram oder TikTok befinde, fällt es mir schwer mich zu konzentrieren, da ich stark abgelenkt werde. Die Worte des Lehrers verhalten in meinem Hinterkopf und ich kann mich nur noch auf eine Sache fokussieren. Er ist so schön, so strahlend und das rot verleiht ihm etwas unwiderstehliches. Er weiß, wie stark er mich beeinflusst, weiß, dass er mich von all meinem Leid befreien kann. Schliesslich entscheide ich mich doch dagegen, auf den “Konferenz verlassen” Knopf zu drücken.

Auf einmal werde ich hellwach. Die Farbe weicht aus meinem Gesicht, ich bekomme Gänsehaut und ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Keiner meldet sich und der Lehrer möchte irgendwen drannehmen. Auch wenn ich nicht gut in Mathe bin, arbeitet mein Gehirn auf Höchstleistung. Wie wahrscheinlich ist es, dass ich drangenommen werde? Nach einigen Schweißausbrüchen, Nervenzusammenbrüchen und falschen Berechnungen kommt sie. Meine Rettung. Dieser eine Schüler, der alles weiß, meldet sich. Seine gehobene Hand ist wie die schützende Hand Gottes über meinem Kopf. Endlich – es ist Pause. Ich höre nur noch ganz oft “Böööp” bevor ich selbst das Meeting verlasse. Hmm, das war doch gar nicht so schlimm? Während der nächsten fünf Schulstunden wird mir klar, dass dieser Optimismus auf einem Gerüst von Übermut aufgebaut wurde. Nach Stunden der Qualen ist die Schule endlich vorbei und ich fühle mich wie Ikarus, als er das erste mal fliegt. Doch genau wie bei Ikarus hält dieser Höhenflug nicht lange an und ich stürze ab. Von IServ bekomme ich die freundliche Benachrichtigung, dass mir noch 5 weitere Aufgaben gestellt wurden. Danke IServ! Wirklich. Ich muss mich bei dir bedanken. Das hat meinen Tag jetzt wirklich gerettet. Aber ich will mich auch gar nicht zu sehr beschweren. Manche Aufgaben machen sogar Spaß. In Kunst sollen wir ein dreidimensionales Haus zeichnen – wobei meins eher wie eine baufällige Version vom Haus vom Nikolaus aussieht und in Mathe bin ich mir auch ziemlich sicher, dass die Seitenlänge des Quadrats – 134,7 m beträgt. Natürlich mache ich die meisten Aufgaben, wenn ich überhaupt welche mache, auf dem IPad und ich bin auch sehr dankbar für diese Möglichkeit, aber manchmal würde ich das IPad gerne aus dem Fenster werfen, verbrennen und die Überreste zurück zu Apple schicken. Ich hab mir tatsächlich mal Mühe bei der heutigen Deutsch Aufgabe gegeben, nur damit sie von Pages wieder gelöscht wird. Meine neue Version dieser Aufgabe widme ich nun an mein liebes IPad:

Liebes IPad, ich mag dich sehr,

doch manche Sachen, die du machst,

sind einfach nicht fair.

Durch Netflix, YouTube und Co. spendest du mir Unterhaltung den ganzen Tag,

auch wenn ich zu viel Zeit auf diese Apps verbringen mag.

Du verbindest mich mit Freunden auf der ganzen Welt

und dafür bist du wirklich mein Held.

Wirklich, man muss es einfach sagen,

denn du bist toll,

doch manchmal habe ich echt die Nase voll.

Du lädst Dokumente langsamer, als man fahren darf

und wenn ich Bilder mache, sind die meistens nicht scharf.

Du löscht Dokumente ohne Grund oder speicherst sie nicht ab

da wird die Zeit, bis mein Geduldsfaden reißt, sehr knapp.

Ich weiß, dir fällt es auch nicht leicht

so viel zu verarbeiten, dass es bis zum Mond reicht

doch ich hoffe du bist mir nicht böse,

wenn ich nicht all deine Probleme löse

Mein Wortschatz wird langsam knapp,

deshalb wollte ich nur sagen, dass ich dich lieb hab.

Ist nun der größte Teil meiner Aufgaben mehr oder weniger erledigt, begebe ich mich auf meinen täglichen Lockdown-Walk. Wenn ich wieder zuhause bin, opfere ich selbstlos Zeit und Geld, um die Wirtschaft trotz dieser Krise anzukurbeln und bestelle rücksichtslos unnötige Dinge im Internet. Der Postbote kennt mittlerweile schon meinen Namen und macht sich Sorgen, wenn er einen Tag mal kein Packet an meine Adresse liefern muss. Erst gestern kam ein Sack Katzenfutter an – dabei bin ich allergisch gegen Katzen. Meine Aufgaben haben sich bis jetzt komischerweise immer noch nicht von alleine erledigt und deshalb verschiebe ich sie einfach auf morgen – in dem Wissen, dass ich sie wahrscheinlich nicht machen werde. Am Abend telefoniere ich mit Freunden, doch lege dann auf, weil ich zu müde bin. Fünf Stunden später schaue ich einem Indischen Jungen auf YouTube dabei zu, wie er einen Pool baut. Irgendwann fallen meine Augen zu und ich genieße sie letzten Stunden Schlaf bis 7:29:34.

Nun beginnt der ganze Spaß von vorne.

Johanna Sparr 9B

Ein Kommentar zu “How-to-Homeschooling

  1. Liebe Johanna,
    das ist ein toller Beitrag. Hast Du mal überlegt, diesen für unser Jahrbuch zur Verfügung zu stellen? Ich würde mich sehr darüber freuen.
    Mach weiter so!

    Ch. Birnbaum

    Gefällt mir

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