Typisches Dorfleben

Samstagmorgen, draußen ist es bewölkt, trotzdem höre ich das leise Zwitschern der Spatzen, Amseln und das Meckern meiner Wellensittiche, die sich beschweren, dass sie noch kein Futter bekommen haben. Nachdem ich mich nach einer halbstündigen Snooze-Einheit Schlaf aus dem Bett gequält und meine Wellensittiche gefüttert habe, setze ich mich an den Frühstückstisch und stelle mir die Frage, wie umfassend die Zeitung heute sein wird, die ich austragen muss. Wie viele Pakete werde ich in meinem Anhänger verstauen können? Bleibt das Wetter gut? Letzteres lässt sich meist durch einen einfachen Blick auf die Wetter App beantworten. Kein Regen! Gut, dann kann ich mir ja Zeit lassen! Was ich dann auch tue.

Nach einer glorreichen Stunde voller Nichtstun setze ich mich auf mein Fahrrad, belade meinen Anhänger und begebe mich auf den Weg, Linkin Park Musik im Ohr. Nachdem meine Nachbarn die Zeitung erhalten haben, fahre ich die Dorfstraße entlang. Ich höre einen kleinen, zu einem Frischemobil umfunktionierten LKW. Ein rollender Tante Emma Laden, der immer pünktlich wie ein Uhrwerk eine ältere Dame mit Lebensmitteln beliefert und mich ab und zu mit ein paar Schokoladenriegeln versorgt. Im Vorbeifahren grüße ich den Fahrer, er grüßt zurück.

So etwas ist halt typisch Dorf, denke ich und begebe mich auf das nächste Grundstück. Auf diesem Grundstück verhalte ich mich sehr leise und packe die 2 Zeitungen in Rekordzeit in die Zeitungsrollen. Ich kann gut darauf verzichten, mit dem Deutschen Boxer nähere Bekanntschaft zu machen. Hunde gehören eben auch zu einem Dorf. Nach einigen Häusern, wo man mir die Zeitung oftmals abnimmt, komme ich zu einigen wenigen Häusern, in denen ich die Bewohner nicht kenne. Hierbei handelt es sich um ein paar Ausnahmen. Mittlerweile kennen mich viele Leute aus meinem Dorf. Wenn ich Zeitungen austrage, erhalte ich jede Woche von einer Schräg-Gegenüber-Nachbarin Süßigkeiten, die sie mir in die Zeitungsrolle getan hat. Wenn ich sie sehe, sprechen wir immer von einem Tauschgeschäft.

Nach einem weiteren großen Hund sowie einem Haus, an dem ich mich oftmals festrede, fahre ich einen kleinen Berg hoch. Passanten begrüße ich mit einem typisch norddeutschen „Moin“, sie grüßen zurück. Nach einem weiteren kleinen Stück Weges komme ich an ein Haus, in dem ein älterer Herr wohnt. Ich rede oft mit ihm und vor allem auch sehr gerne, allgemein freuen sich viele, wenn ich mich mit ihnen unterhalte. Von Tür zur Tür, in Zeiten von Corona natürlich mit Abstand, die Zeitung verteilen und oftmals schon erwartet zu werden, ist für mich Dorffeeling. Man kennt sich einfach. Nach weiteren Häusern, von denen bei einem eine Milchkanne als Briefkasten dient, fülle ich meine Zeitungen nach. Mittlerweile hat sich etwas Landluft unter die schöne Vormittagsluft gemischt, aber das gehört halt zum Dorf dazu.

Nachdem ich einer älteren Dame die Zeitung vor die Tür gebracht habe und unsere Nachbarskatze gekrauelt wurde, ist meine Tour zu Ende. Meine Klassenkameraden fragen mich immer, wieso stehst du jeden Samstag so „früh“ dafür auf? Dann sage ich: „Weil es mir Spaß macht. Mir macht es Spaß, Teil des Typischen Dorflebens zu sein und jeden Samstagmorgen mal darüber zu reden, was hier und da passiert ist und was der und der gemacht hat.“ Das gehört einfach dazu und ich habe keineswegs meine Entscheidung bereut, dass ich samstags nicht mehr ausschlafen kann.

Eine Kolumne von Jannes Rathjen

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