Adventskalender Türchen 24: Gestohlene Geschenke

Heiligabend, 1953.

Elisabeth kam gerade gemeinsam mit ihren Eltern, dem Knecht und der Magd aus der Kirche. Der Gottesdienst war wieder wunderschön gewesen. Leider konnte ihre Oma Frieda nicht mehr mitkommen. Ihre Oma war für ihr Alter zwar immer noch relativ fit gewesen, doch als vor ein paar Wochen der Ofen kaputt gegangen war, hatte sich Frieda aufgrund der eisigen Kälte im Wohnzimmer eine starke Lungenentzündung zugezogen. Der Arzt sagte, dass sie deswegen nicht mehr lange zu leben hätte. Also wollte Elisabeth so viel Zeit wie möglich mit ihrer Großmutter verbringen. Da die Magd und ihre Mutter noch etwas Zeit benötigten, um das Essen vorzubereiten, beschloss Elisabeth sich zu ihrer Großmutter in die Kammer zu setzen. Sie klopfte vorsichtig an und öffnete dann die quietschende Tür. Frieda saß in ihrem Schaukelstuhl vor dem Bett und war in mehrere Decken eingewickelt, um sich vor der Kälte zu schützen. Elisabeth begrüßte ihre Großmutter und setzte sich auf einen Hocker. Frieda lächelte sie müde an: „Und mein Kind, bist du schon aufgeregt?“ „Oh ja, schon den ganzen Tag. Hoffentlich bekomme ich das Buch, das ich mir so sehr wünsche“, antwortete Elisabeth, „Aber erzähl doch mal, wie Weihnachten früher war. Oder gab es ein Weihnachtsfest, das für dich ganz besonders war?“ Frieda überlegte einen Moment, ehe sie anfing zu erzählen:

„Oh ja. Es gab ein ganz besonderes Weihnachten. Wenn ich mich richtig erinnere war es im Jahr 1888, da war ich 14. Draußen war alles verschneit und es war eiskalt. Ich hatte mich vor dem Feuer in eine Decke gekuschelt und hatte keine Lust in die Kirche zu gehen, da es so kalt war. Als meine Mutter aus der Weihnachtsstube kam, forderte sie mich auf, mich warm anzuziehen. Meine Geschwister Hanne und Peter warteten bereits in der Diele. Bevor ich jedoch zu den anderen ging, wollte ich noch einen Blick durch das Schlüsselloch der Weihnachtsstube werfen. Ich war damals furchtbar neugierig und wollte unbedingt wissen, welche Geschenke wir dieses Jahr bekommen würden. Ich hatte mich gerade bis an die Tür herangeschlichen, als mich meine Mutter erneut rief. Diesmal klang sie schon ziemlich sauer. Sie beschloss schon mal mit meinem Vater und meinen Geschwistern vorzugehen. Ich sollte nachkommen, sobald ich fertig angezogen war. Um noch vor der Kirche wieder auf meine Familie zu treffen, beeilte ich mich. Leider vergaß ich dabei die Haustür richtig zu schließen. Da ich rannte, erreichte ich meine Familie noch, bevor sie die Kirche betrat. Auf dem Weg dorthin hatte ich einen seltsamen Mann gesehen. Ich beschloss jedoch, ihm keine größere Beachtung zu schenken. Ich vermutete, dass er ein Landstreicher war.

Nach dem Gottesdienst standen wir noch eine Weile vor der Kirche, da sich mein Vater noch mit einem Bekannten unterhielt. Ich zappelte ziemlich herum, denn mir war kalt und langweilig. Außerdem wollte ich endlich meine Geschenke öffnen. Irgendwann war meine Mutter so genervt, dass sie mich und Peter, der damals 16 war, schonmal nach Hause schickte. Als wir kurze Zeit später unseren Hof erreichten, mussten wir mit Schrecken feststellen, dass die Tür sperrangelweit offen stand. Misstrauisch traten wir auf die Diele und horchten, ob noch jemand im Haus war. Doch es war alles ruhig. Wir schlichen also leise weiter und schauten in jeden Raum, um festzustellen, ob etwas fehlte. Obwohl die Tür der Weihnachtsstube ja eigentlich verschlossen sein sollte, drückte ich die Klinke herunter. Und die Tür war tatsächlich offen. Zunächst dachte ich, dass meine Mutter einfach nur vergessen hatte die Tür zu schließen. Doch als ich einen Schritt in den Raum hineintrat, musste ich feststellen, dass all die Päckchen, die ich zuvor durch das Schlüsselloch erspäht hatte, verschwunden waren. Schnell rief ich nach Peter, um ihn auf darauf aufmerksam zu machen. Auch er war erstmal verwirrt. Damals gab es bei uns im Dorf kaum Diebstähle und dass nun ausgerechnet die Weihnachtsgeschenke gestohlen worden waren, war äußert seltsam. Jedenfalls waren wir davon ausgegangen, dass sie geklaut worden waren. Außer uns war schließlich niemand zu Hause und die Geschenke waren zuvor auf jeden Fall unter dem Baum gewesen, da war ich mir sicher. Wir überlegten also, was wir tun sollten. Irgendwie mussten wir wieder Geschenke unter den Baum kriegen, damit unsere damals vierjährige Schwester Hanne nicht enttäuscht werden würde.

Gemeinsam gingen wir auf den Hof, um uns dort einmal umzusehen. Vielleicht konnte man im Schnee noch Spuren erkennen. Direkt vor der Tür konnten wir leider schon nichts mehr erkennen, da etwas Schnee vom Dach abgerutscht war und so sämtliche Spuren überdeckt hatte. Wir teilten uns auf und liefen einmal um die große Scheune. Und wir hatten Glück. Peter fand im Garten bei den Apfelbäumen große Fußspuren. Daneben waren noch kleinere runde Spuren sichtbar, die wir nicht identifizieren konnten. Wir beschlossen die Abdrücken mit dem Pony-Schlitten zu verfolgen, um den Dieb einholen zu können und rechtzeitig wieder zurück zu sein.

Mit unserem Pony Lilli kamen wir relativ schnell voran, sodass wir nach kurzer Zeit eine Silhouette auf dem kleinen, verschneiten Waldweg ausmachen konnten. Je näher wir kamen und je mehr man erkennen konnte, desto größer wurde mein Gefühl, dass es sich um den Landstreicher handelte, der mir auf dem Weg zur Kirche entgegengekommen war. Ganz sicher war ich mir aber erst, als wir nur noch ein paar hundert Meter entfernt waren. Die seltsamen runden Spuren kamen also von dem Stock, an den er seine Sachen gebunden hatte. An diesem Stock hing nun auch ein großer Jutesack, der mir zuvor nicht aufgefallen war. Ich vermutete, dass er unsere Geschenke gestohlen haben könnte und sie nun in diesem Sack transportierte. Plötzlich blieb der große Mann stehen und lehnte seinen Stock mit dem Gepäck, auch dem Beutel, an einen Baum am Wegesrand. Dann verließ er den schmalen Weg und ging in den Wald. Mein Bruder stoppte den Schlitten. Leise berieten wir darüber, was wir nun machen sollten. Auch Peter glaubte, dass unsere Geschenke in dem Sack waren, wollte aber auch nicht dabei erwischt werden, in fremden Sachen zu wühlen, wenn der Mann unsere Geschenke gar nicht bei sich hatte. Nachdem wir noch ein wenig diskutiert hatten, entschieden wir uns, einfach schnell nachzusehen. Wir wollten beide nicht, dass Hanne enttäuscht wurde. Also rutschte Peter vom Schlitten und schlich an den Sack heran. Nachdem er sich noch einmal versichert hatte, dass der Mann noch nicht zurückkam, zog er den Sack auf. Gespannt wartete ich auf ein Zeichen von ihm, als ich plötzlich etwas knacken hörte. Der Mann kam zurück. Schnell rief ich nach Peter, der sich den Sack schnappte und mit diesem auf unseren Schlitten sprang. Dann wendete er unsren Schlitten und wir flüchteten nach Hause.“

Elisabeth hatte ihrer Großmutter gespannt gelauscht. „Und was ist mit dem Landstreicher passiert?“, fragte sie. Nach kurzem Überlegen antwortete Frieda: „ Mhh, das weiß ich gar nicht mehr so genau. Nachdem wir auf unserem Schlitten waren, hab ich mich nicht mehr umgedreht. Ich weiß nur noch, wie glücklich Hanne war, als sie ihre Geschenke öffnete. Es war das schönste Weihnachten meines Lebens.“ Frieda lächelte und schloss kurz ihre Augen. Auch Elisabeth schloss ihre Augen, um den Moment mit ihrer Großmutter zu genießen. Ein paar Minuten später rief ihre Mutter sie zum Essen. Freudig sprang Elisabeth auf und sagte zu ihrer Oma: „Ich geh schon mal vor!“ Keine Antwort. Frieda war mit einem Lächeln auf dem Gesicht eingeschlafen. Für immer.

Marika Münkel und Paula Holste

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