Warum die Zukunft in Berlin nicht Hertha, sondern Union gehört! – Ein Bericht über die vergangene Saison

Mit diesem Artikel, der über das gesamte letzte Schuljahr verfasst wurde, verabschiedet sich die Sportredaktion aufgrund mangelnder Zeit weitesgehend. Wir übergeben diesen Bereich an den jetzigen 10. Jahrgang. Dennoch viel Spaß beim Lesen unseres Abschlussartikels.

Warum die Zukunft in Berlin nicht Hertha, sondern Union gehört!
,,Die Zukunft gehört Berlin“. Wer diesen Slogan des Hauptstadtclubs Hertha BSC schon einmal gehört hat, wird sich fragen, warum die Berliner derart offensiv und geradezu arrogant agieren oder ob sie gar in einem Paralleluniversum leben. Während die Hertha in jeder Hinsicht auf eine verrückte Saison zurückblickt und in eine vermeintlich goldene Zukunft blickt, erreicht
Stadtrivale Union Berlin Teilerfolg um Teilerfolg und scheint auf sportlicher Ebene bald zur ,,großen Hertha“ in der Bundesliga aufzuschließen. Ein Rückblick auf die vom Coronavirus geprägte Bundesliga-Saison 2019/20, die den beiden Rivalen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.
Wir schreiben das Jahr 2020. In jeder Hinsicht ist es ein dramatisches Jahr, verknüpft mit einer kuriosen Bundesliga-Saison. Nach Jahren der Bayern-Dominanz ist der Titelkampf immerhin bis zur Hälfte der Rückrunde sehr spannend. Die Bayern können nicht an ihre Leistungsobergrenze herankommen, Trainer Kovac wird nach einigen Spieltagen entlassen. Die Konkurrenz in Form des BVB und RB Leipzig nutzt die Patzer und sorgt für eine Menge Spannung. Werder Bremen hingegen legt das Ziel Europa-League fest und steckt schon nach wenigen Spieltagen im Abstiegskampf, der HSV spielt noch in Liga zwei, schafft es aber bis zum Ende der Saison nicht, sich klar auf einem Aufstiegsplatz anzusiedeln. Dann sucht im März die Coronakrise die Welt heim. Die Bundesliga muss, wie die meisten anderen internationalen Ligen die Saison abbrechen, fast niemand glaubt zu diesem Zeitpunkt an eine Fortsetzung des Spielbetriebs. Doch entgegen
aller Erwartungen und Kritik wird die Saison im Mai fortgesetzt und nun blicken wir nun auf eine der verrücktesten Saisons bei der Hertha und ein Abenteuer der
Köpenicker Union.
Die Blau-Weißen (Hertha BSC)
fiebern der Saison entgegen. Nach vielen Saisonabschlüssen
im Mittelfeld ist Trainer Pal Dardai degradiert worden. Eher untypisch für einen entlassenen Trainer darf Dardai aber weiter im Jugendbereich trainieren. Mit dem neuen Trainer Ante Covic, der aus dem Jugendbereich befördert wurde, wird Investor Lars Windhorst für den Verein gewonnen, der mit seiner Firma Tennor Holding große Anteile am Verein erwirbt. Ein Coup von Manager Preetz. Windhorst verspricht den Fans 100 Millionen Euro für Transfers. Dazu ist Stadtrivale Union in die erste Liga aufgestiegen, es winken zwei hitzige Derbys, die die alte Dame (Hertha BSC) schon für sich entschieden sieht. Früher haben die Fans beider Vereine noch zusammengehalten, inzwischen sind sie aber erbitterte Rivalen.
Bei Union Berlin herrschen völlig andere Bedingungen. Kleines Budget, verhältnismäßig kleines Stadion, aber bessere Stimmung und eben der furiose Aufstieg. Zweimal hatte man den Aufstieg knapp verpasst, 2019 landete man endlich auf dem Relegationsplatz, sogar noch vor dem HSV.
Die Grundsätze des Trainers Urs Fischer, eine starke Defensive, enorme Mentalität und viele Fernschüsse, begeisterte die eigenen Fans und viele andere in der Bundesrepublik. In der Relegation spielte man gegen Stuttgart, die zwar etwas Pech hatten, weil ein Tor aberkannt wurde, aber am Ende nicht genug Können und Willen zeigten. Union Berlin konnte sich knapp durchsetzten und feierte den Aufstieg wie den
Gewinn der Weltmeisterschaft. Der Trainer Urs Fischer, Ruhepol von Union, will in der ersten Liga nur den Klassenerhalt schaffen. Es werden für wenig Geld Spieler wie Subotic, Ujah oder Gentner verpflichtet, die einige Jahre Bundesligaerfahrung haben.
Bei Hertha BSC hingegen wurden die versprochenen hundert Millionen Euro in Spieler wie Piatek im Sturm (vom AC Milan) oder Tousart im Mittelfeld (von Olympique Lyon) für die kommende Saison investiert. Ascacibar (von Stuttgart) oder Cunha (von RB Leipzig) kamen als Backups dazu, die sich Union nichteinmal im Traum hätte leisten können. Die Saison startet, Windhorst hat hohe Erwartungen in Richtung Europa- bzw. Champions-League. Schon nach wenigen Spieltagen erlischt die Anfangseuphorie. Es wird kein ansehnlicher Fußball gespielt und das Stadion kann immer noch nicht gefüllt werden, trotz zahlreicher Angebote, wie z.B. Freitickets für Kinder. Siege gegen Paderborn (2:1), Köln (4:0) oder Düsseldorf (3:1) stehen deutlichen Niederlagen gegen Wolfsburg oder Schalke gegenüber (beide 0:3). Immerhin gab es am 1. Spieltag ein Unentschieden gegen den FC Bayern. Die Hertha steht wie auch die letzen Saisons nur im Mittelfeld. Das ist nicht genug für Investor Windhorst.
Union hingegen gewinnt wenige der ersten Spiele, spielt aber frechen Fußball. Die Fans reagieren euphorisch auf die großen Namen der Gegner und die Mannschaft spielt diese Euphorie auf dem Platz aus. Nach einem Kaltstart gegen Leipzig (0:4) und einem 1:1 gegen Augsburg schlägt man Dortmund 3:1 und fährt damit den ersten Bundesligasieg der Vereinsgeschichte ein. Auf knappe Niederlagen folgt ein Sieg gegen Freiburg. Nachdem man mit den Bayern sehr gut mithalten
konnte, steht am 2.11. das Derby an. Beide Clubs wollten es gern am 3.10. austragen, dem Tag der deutschen Einheit. Das konnte die DFL den Clubs aber nicht ermöglichen und so kam es im November zum Showdown. An der alten Försterei (Stadion von Union) gab es lange ein umkämpftes Spiel und in der 87. Minute einen fragwürdigen Elfmeter. Polter, ein wichtiger Spieler der Unioner legt sich den Ball zurecht und traf mitten ins Herz der Hertha. Alle Dämme waren gebrochen. Union war gerade erst aufgestiegen und gewinnt nun sogar das erste Derby gegen die ,,Alte Dame“. Jeder glaubt hier nun den Klassenerhalt.
In den darauf folgenden Spielen werden einige Siege eingefahren, einige Unentschieden und ein paar Niederlagen. Dennoch punktet man sehr solide und hält sich im unteren Mittelfeld der Tabelle auf, es läuft alles nach Plan. Im DFB-Pokal gelingt sogar der Einzug ins Viertelfinale, wo der spätere Finalist Leverkusen die Endstadion darstellt.
Bei Hertha BSC hingegen nimmt eine der verrücktesten Saisons der Vereinsgeschichte ihren Lauf. Nach dem Rauswurf von Ante Covic suchen sich die Berliner einen der prominentesten Trainer auf dem Markt, Jürgen ,,Klinsi“ Klinsmann. Er gilt als Freund Windhorsts, saß vorher schon im Aufsichtsrat und will die Hertha wieder auf Kurs bringen. Er kündigt an, die Hertha in ein paar Jahren zum Champions-League-Club machen zu wollen. Ganz Fußballdeutschland ist gespannt, wie Klinsmann sich bei einem Chaos-Club wie Hertha schlägt, nachdem er in den 2000er-Jahren sogar einige Jahre die Nationalmannschaft gecoacht hatte. Mit prominentem Trainerteam, wie Co-
Trainer Alexander Nouri (vorher Bremen), Torwarttrainer Köpke (vorher Nationalmannschaft) und Arne Friedrich (vorher Spieler der Hertha) will man die Fans begeistern. Im ersten Spiel gegen Dortmund ist das Stadion direkt ausverkauft. Das liegt aber höchstwahrscheinlich am Gegner. Eine knappe Niederlage sollte die Stimmung aber noch nicht trüben. In den nächsten Spielen wurde dann ordentlich gepunktet, mit einigen Siegen und ein paar Unentschieden. Dann folgte ein weiterer irrer Negativhöhepunkt: Das Achtelfinale des DFB-Pokals gegen Schalke. Man verspielt einen 2:0-Vorsprung in der
Verlängerung und Herthas Verteidiger Jordan Torunarigha wird rassistisch beleidigt und ist kurz davor, nicht mehr weiterzuspielen. Es entfacht sich mal wieder eine Rassismus-Debatte in Deutschland und Schalke bekommt eine Geldstrafe, die in Projekte gegen Rassismus fließen muss. Nach der Folgeniederlage gegen Mainz tritt Klinsmann, der schon wegen seines Handyfilmens von der Trainerbank kritisiert wurde, überraschend via
Facebook-Ankündigung zurück. Er will den Fans etwas später ihre Fragen beantworten, rechtfertigt aber nur seinen Rücktritt. Er hinterlässt einen verunsicherten Verein, sportlich wie menschlich. Selbst Investor Windhorst ist nun nicht mehr auf seiner Seite und bezeichnet ihn unter anderem als kindlich. Sein Co-Trainer Nouri übernimmt, nach nur zehn Spielen seines ehemaligen Chefs für vier Spiele und holt immerhin, wenn auch etwas glücklich, fünf Punkte. Die Hertha gleicht sogar ein 0:3 und 0:2 aus. Danach folgt die lange Corona-Auszeit, für beide Berliner Clubs eine Krise, mehr aber noch für die Unioner, weil sie finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Der Hertha hingegen tut die Pause sogar gut, weil sie sich so mal wieder einen neuen Trainer suchen können, um gezielt den Klassenerhalt zu sichern. Die Internetuser sind sich derweil einig, dass die ,,Alte Dame“ der neue Chaosclub Nr.1 in Deutschland ist. Abstiegskampf, Klinsmann, Rassismus. So viel hat den Hauptstadtverein schon belastet. Und dann folgt die überraschende Wende. Als eines der ersten europäischen Länder beginnt in Deutschland wieder die Bundesliga, aber mit Geisterspielen. Dabei wird das große Hygienekonzept von der DFL angepriesen: Quarantäne vor den Spielen, Maskenpflicht etc. Und wer sorgt für den nächsten Skandal?
Natürlich Hertha BSC. Salomon Kalou, Mittelfeldroutinier, postet auf Facebook ein Video aus der Hertha-Kabine, bei der die Spieler sich an keine Corona-Regelung halten, sie umarmen sich usw. Außerdem gibt Spieler Ibisevic preis, für wie sinnlos er die Regelungen hält. Darüber hinaus findet auf dem Platz ein kollektives Jubeln auf dem Platz statt. Es folgt ein großer Aufschrei in den Medien, die DFL
steht unter Druck und vergibt prompt eine Strafe. Und auf einmal läuft die Saison wieder für Hertha. Einige englische Wochen und normale Spieltage später hat die Hertha unter Neu-Coach Labbadia die Klasse souverän gehalten. Diesmal also ein positiver Höhepunkt. Auch Rivale Union konnte überraschend die Klasse sichern, obwohl der Verein nicht mehr so viele Punkte holte, wie vor der Krise. Etwas traurige Stimmung herrscht trotzdem an der alten Försterei. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte man den sensationellen Klassenerhalt nicht einmal richtig mit den Fans feiern und kann dort selbst Anfang der nächsten Saison nicht ins selbst von den Fans gebaute Stadion. Für Aufsehen sorgten aber folgende zwei Situationen. Die erste, dass von Fans am Stadion kleine Säcke mit lebenswichtigen Dingen aufgehängt wurden, für diejenigen, die es wirklich brauchten. Die zweite, dass Fans sich nicht an die Corona-Verordnungen hielten, aber eher im lustigen Sinne. Wer schon einmal an der alten Försterei war, der weiß wie klein und tief
das Stadion im Vergleich zu den anderen Bundesligastadien ist. Neben dem Stadion zieht sich ein Wald entlang. Dort kletterten zwei Fans in den Baum, um wenigstens etwas vom Spiel live mitzubekommen. Vielleicht hatten sie ja auch kein Pay-TV-Abo. Die Polizei jedenfalls bemerkte dies und wies die Beiden zurecht, während das Internet mal wieder darüber schmunzelte.
Die Bilanzen der Clubs nach der Coronapause: Die alte Dame holte 13 Punkte aus 9 Spielen unter Neu-Trainer Labbadia. Seine Erfahrung und sein neuer Spirit lassen die Hertha ihr Potential
ausschöpfen. Und weil es nicht schon verrückt genug war, gewann die Hertha das fanlose und trist wirkende Stadtderby mit 4:0. Eine wirkliche Machtdemonstration, weil Union nicht einen Torschuss verzeichnen konnte. Diese ,,schwammen“ eher durch die letzten Spieltage, 11 Punkte aus 9 Spieltagen ist eine immerhin ausreichende Bilanz, um den Klassenerhalt zu erreichen, weil man so gut vorgelegt
hatte. Torwart Gikiewicz, einer der Aufstiegshelden und der sich sogar den Fans beim Zündeln gegenüber stellte, hatte einen massiven Anteil am
Klassenerhalt. Er wird den Vertrag aber nicht verlängern, so wie einige andere Spieler von Union auch. Am Ende der Saison gewinnt man 3:0 gegen Düsseldorf und schießt sie in Liga 2.
Bei der Hertha wechselt nun Tousart von Lyon nach Berlin und wird mit Labbadia versuchen, in der nächsten Saison die Europa-League anzugreifen. Trotzdem ist die Mehrheit der Blau-Weißen nicht mehr so positiv gegenüber ihrer Mannschaft gestimmt, wie in den letzten Jahren.
Bleibt abzuwarten, was die nächste Saison bringt, wahrscheinlich immer noch ohne Zuschauer. Mit Bielefeld und Stuttgart steigen zwei Mannschaften auf, die für Union schlagbar sein sollten. Spannend wird es sein, wie lange sich Labbadia im Amt halten kann und wie hoch die Hertha klettern kann. Auf der anderen Seite, ob der Klassenerhalt gelingt und ob man den Kader richtig verstärken kann.
Hertha BSC hat in dieser Saison gezeigt, wie man die Fans auf allen Ebenen enttäuschen kann. Niemand kann ahnen, wo der Verein ohne die Coronapause angelangt wäre. Massenhafte Geldausgaben, die sich nicht im Ansatz rentiert haben, wenn man auf die Tabelle blickt. Die Einstellung eines Startrainers, der sich mit Antritt dieses Postens selbst und den Verein gleich mit ruiniert hat. Das Olympiastadion wurde auch nicht mehr gefüllt, Planungen für ein neues Stadion stocken. Die Fans wurden bitter enttäuscht und sind nun immer kritischer gegenüber ihrer Hertha. Viele wollen nicht einmal mehr ein neues Stadion oder sich mit Windhorst-Millionen den Erfolg kaufen. Auch das Verhalten von Manager Preetz wird kritisiert. So kann ein Verein vielleicht in den nächsten Jahren nach dem Modell RB Leipzig erfolgreich werden, aber nicht alle Beteiligten zufrieden stellen. Außerdem werden Erfolge bei der Menge der Höhe der Investitionen fast schon zur Pflicht, das Potential des Scheiterns ist sehr hoch. Das Modell Hertha B$C ist kein Projekt, mit dem die Zukunft Hertha gehört. Viel interessanter und mitreißender ist Union Berlin. Sie haben zwar keine riesige Jugendakademie wie Hertha, dazu fehlen auch die Mittel. Aber sie sind ein bescheidener Bundesligaverein, dessen Fans das Stadion gebaut haben. Sie geben keine Unmengen von Geld aus, um erfolgreich zu sein. Dieses Modell ist deutlich weniger zum Scheitern verurteilt. Wenn sie weiter clever wirtschaften und sich sportlich auf dem Niveau halten, könnten sie der zweite SC Freiburg oder FC Augsburg der Bundesliga werden. Selbst wenn sie absteigen, sind sie weiterhin beliebt und die Fans wären weiter begeistert dabei. Die Zukunft, beziehungsweise wem sie gehört, widmet sich nicht zwingend dem Erfolg, sondern der Fankultur, die immer noch das Allerwichtigste im Fußball bleiben sollte, aber leider auch der wirtschaftlichen Situation. Hier kann man eindeutig Union in der Pole Position sehen, wenn es um Preis/Leistung geht. Es bleibt abzuwarten, wie die nächsten Saisons verlaufen und wohin es die beiden Hauptstadtclubs treibt. Spannend bleibt es auf jeden Fall, weil es in Deutschland heutzutage die absolute Ausnahme ist, dass zwei Vereine aus einer Stadt in der Bundesliga spielen.

von Mathis Henke

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