Kolumne der SV #2 – Jugendkongress – Ein Rückblick

Es ist der 12. Februar. Vor wenigen Wochen schickten Edith und ich unsere Anmeldungen für den Jugendkongress des WABE.eV ab. So richtig wissen wir nicht, was uns erwartet, wir wissen, dass es verschiedene Workshops geben wird. Wir beide entschieden uns für den Workshop mit dem Thema Sexismus als Erstwunsch auf unserem Anmeldezettel. 

Um 08:27 steige ich in den Zug Richtung Bremen. Lange dauert die Fahrt nicht, nach knappen zehn Minuten stehe ich in Rotenburg auf dem Bahnsteig. Dort treffe ich Edith, im Metronom konnten wir uns nicht finden. Orientierung ist bei uns beiden auch so eine Sache, aber dazu später mehr.

Gemeinsam gehen wir in den Warteraum des Bahnhofs. Bis die EVB nach Verden fährt dauert es noch 40 Minuten und erfrieren wollen wir nicht. 40 Minuten, das dauert noch merken wir. Aber eine andere Zugverbindung nach Verden gibt es nicht. Also warten. Wir nutzen die Zeit, um uns über unsere Erwartungen auszutauschen. Ich vermute nur wenige Schüler von anderen Schulen, Edith tippt auf etwas mehr. Was für Schüler werden überhaupt kommen? Schülersprecher so wie wir? Oder Klassen und einzelne Interessierte? 

Etwa 30 Minuten sind schon um, der Zug ist schon da. Wir verlassen den doch kühlen Warteraum und steigen in den warmen Zug. Retro sieht sie aus, diese Bahn von Rotenburg nach Verden, wir sind die einzigen Fahrgäste im ganzen Waggon. Nach einer Fahrkartenkontrolle des netten Schaffners fährt sie los. Nach nur 20 Minuten Fahrzeit ist unser Ziel erreicht. Zumindest fast. Jetzt gilt es nur noch das Jugendzentrum zu finden. Das kann ja nicht so schwer sein. Das Handy sagt 1 Kilometer. Kein Problem für uns. Wir marschieren los. „Noch 1,2 km, noch 1,4 km…“. Falsche Richtung. Kann ja mal passieren. Wir kehren um. Rechts abbiegen. Rechts Abbiegen? Wo soll man hier rechts abbiegen?! Nachdem wir uns entscheiden doch mal die linke Richtung auszuprobieren und logischerweise scheitern, entdecken wir den Bahntunnel. Da müssen wir lang, der ist aber auch ganz schön versteckt. Kann ja mal passieren. Jetzt kann es nicht mehr weit sein, noch 300 Meter. Einfach gerade aus. „Noch 500 Meter, 600…“ Das gibts doch nicht. Zum dritten Mal an diesem Tag kehren wir um. Uns wird klar, dass wir schnurstracks und stumpf am Jugendzentrum direkt vor unserer Nase vorbeigelaufen sind.. Dorfkinder in der Metropole Verden Aller, da kann das ja mal passieren. Zum Glück haben wir den früheren Zug genommen und sind nicht zu spät. 

Als wir dann das Jugendzentrum betreten sind wir mit die Letzten, der Großteil ist schon da. Wir werden begrüßt und nach unseren Namen gefragt. In einer Tabelle können wir nachgucken, in welchen Workshops wir gelandet sind. Bei keinem von uns ist es der Erstwunsch geworden. Edith ist einem Filmworkshop zugeteilt, welcher den Jugendkongress dokumentieren soll und ich bin bei „Rassismus verstehen“ gelandet. Eigentlich schade denke ich, Sexismus hätte mich vielleicht mehr interessiert, da weiß ich weniger von. Aber dass ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur wenig Ahnung von Rassismus hatte, wird mir erst später bewusst werden. 

Nach einer gemeinsamen Einführung geht es in die Workshops. Ediths Workshop ist schnell weg und schon bin ich ganz alleine. Erst fühle ich mich etwas unwohl, aber ich bemerke schnell, dass zu der Sorge kein Grund besteht, freundlich sind hier alle. Nach etwas Wartezeit sollen wir uns aufteilen. Aufteilen in Antworten auf die Frage: „Hast du schon Rassismus erlebt?“. Kurz denke ich nach. Ich komme zu dem Schluss Rassismus noch nicht erlebt zu haben und stelle mich an die richtige Stelle. Gibt es überhaupt Rassismus gegen weiße Menschen frage ich mich? 

Kurz bevor wir das Jugendzentrum verlassen und einen anderen Ort für unseren Workshop aufsuchen wollen, kommt Edith zu uns. Sie hat sich entschieden, den Workshop zu wechseln. Sie will mehr lernen, als den Jugendkongress nur zu dokumentieren. Ich bin erleichtert doch nicht mehr ganz so allein zu sein. 

Die zwei Leiterinnen des Workshops „Rassismus verstehen“ sind super sympathisch und freundlich. Sie beide erzählen uns offen von ihren Erfahrungen mit rassistischen Äußerungen und Erlebnissen. 

Sie erklären uns, dass auch die Frage nach ihrer „wirklichen“ Herkunft verletzend auf sie wirkt. 

Sie fühlen sich hier in Deutschland nicht zu hundert Prozent akzeptiert, obwohl es ihr Heimatland und Deutsch ihre Muttersprache ist.

Die meiste Zeit am Vormittag haben wir in einer großen Runde geredet. Begriffe, Gedanken und Erlebnisse ausgetauscht. Zur Sprache kommt auch die Entstehung des Rassismus. Tief verankert ist sie im Kolonialismus. Es gibt Rassentheorien, welche die People of Color bestimmte Fähigkeiten oder Eigenschaften nehmen. Rassismus ist nicht etwas, das von Geburt an im Denken eines Menschen besteht. Rassismus muss vermittelt und erlernt werden. Genauso kann er wieder verlernt werden. Das Denken in Schubladen und der Generalisierung muss verlernt werden. 

Überall auf der Welt gibt es Stereotypen und Vorurteile gegenüber Menschen mit „einer anderen Hautfarbe“. Ein Teilnehmer wirft eine Situation in den Raum. Was ist, wenn ein weißer Deutscher beispielsweise in ein anderes Land reist und dort auf Vorurteile gegenüber ihm trifft. Sprechen wir nicht auch dann von Rassismus? Die Antwort lautet nein. Denn Rassismus richtet sich nicht gegen alle. Weiße Menschen genießen weiße Privilegien. Sie werden nicht systematisch aufgrund ihrer Hautfarbe unterdrückt. Zu den sogenannten „White Privileges“ zählt, sich nicht mit dem Thema Rassismus beschäftigen zu müssen, weil es einen selbst nicht direkt betrifft. Man muss sich keine Sorgen machen, aufgrund seiner Hautfarbe Opfer eines Überfalls zu werden. Man muss sich keine Sorgen machen, den gewünschten Job, den gewünschten Ausbildungsplatz oder die gewünschte Wohnung aufgrund seiner Hautfarbe nicht zu bekommen. Man muss sich keine Sorgen machen aufgrund seiner Hautfarbe von einer Gemeinschaft beziehungsweise einer Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. 

Meine Frage, die ich mir am Anfang des Workshops noch stellte, die Frage, ob es Rassismus auch gegen weiße Menschen gibt, hat sich mit diesen Antworten erledigt. 

Ich schäme mich etwas und fühle mich schuldig. Natürlich habe ich Rassismus noch nicht erlebt. Ich genieße all diese Privilegien, ohne etwas dafür tun zu müssen, der Zufall meiner Gene, auf den ich keinen Einfluss habe, lässt mich Privilegien genießen. 

Sich damit zu beschäftigen ist unangenehm, aber so unglaublich wichtig. 

Am Ende des Workshops ist das mir und auch Edith sehr klar geworden. Wir beide kaufen uns ein T-Shirt mit der Aufschrift „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Das Label, welches auch unsere Schule trägt. Wir wollen Haltung zeigen und uns dafür einsetzen, dass sich an unserer Schule mit diesem so wichtigen Thema weiterhin auseinandergesetzt wird und der Jugendkongress hat uns dabei sehr geholfen. 

Wir verlassen das Jugendzentrum mit unseren neuen Eindrücken, verbringen unsere Wartezeit beim Bäcker, nehmen den Zug nach Hause und tauschen uns aus. 

Für uns beide war das ein sehr besonderer und beeindruckender Tag, der uns lange und positiv in Erinnerung bleiben wird. 

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