Grüße aus dem Homeoffice – Tag 47 von Jannes Rathjen

Schnipp, Schnapp

Vor geraumer Zeit wurde gemeldet, Friseure würden schließen. Meiner Meinung nach völlig zurecht, da das Infektionsrisiko dort einfach zu hoch gewesen wäre. Also bleiben wohl nur zwei bzw. drei Möglichkeiten für alle Menschen, die nicht einen gelernten Friseur in der Familie haben. Wachsen lassen, abrasieren oder ja… zu dem „Oder“ kommen wir später.

Möglichkeit 1: Wachsenlassen. Wenn ich mich so umsehe, habe ich die Befürchtung, dass bald die Vokuhila oder wie auch immer man diesen, Entschuldigung an alle, die diese Frisur befürworten, toten Marder, den man auf dem Kopf mit sich herumschleppt, bezeichnen möchte, der neue Mode-Trend wird. Und was wäre, wenn es den Rasierapparat nicht gäbe, dann stellte sich bestimmt jedes kleine Kind die Frage, warum auf einmal ganz viele Leute denselben Bart haben wie der Weihnachtsmann.

Nun gut, wir wollen nicht übertreiben. Viele Menschen wählen Möglichkeit 2, Kahlschlag. Diejenigen Menschen, die von Natur aus wenig bzw. eine sehr geringe Kopfbedeckung haben, sind hier deutlich im Vorteil. Alle anderen nicht. An alle, die sich die Haare abrasiert haben und es bereuen, kann ich nur sagen: „Kopf und Mütze hoch, wächst nach.“ Mehr kann ich aber auch nicht dazu sagen, es muss ja jeder selber wissen, wie er die Haare tragen möchte.

Vielleicht wird die Glatze der Trend 2020, auf den man in 50 Jahren genau so schaut, wie manch andere nun auf die Vokuhila.

Dann gibt es noch eine 3. Möglichkeit. Eine riskante Möglichkeit, eine Möglichkeit, bei der die Chancen auf Erfolg geringer sind als ein Lottogewinn: Sich von jemand anderem aus der Familie die Haare schneiden zu lassen! Und ich meine damit nicht, Rasierapparat in die Steckdose, Länge einstellen und die Haare einheitlich auf eine Länge zu schneiden. Was ich meine, ist, eine richtige Frisur von einem nicht-Fachmann oder einer nicht-Fachfrau schneiden zu lassen.

Man hört es heraus: Ja, ich habe diese dritte Möglichkeit gewählt. Das Haareschneiden war ein wahres Abenteuer, das ich im folgenden in Form eines Drehbuchs schildern möchte (an alle fleißigen Filmemacher: Ich nehme 30% der Filmeinnahmen).

Doch bevor ich beginne, möchte ich kurz eine Sache klarstellen: Ich bin letztendlich dankbar, dass ich diesen Weg gewählt habe und meine Frisur ist mehr als gelungen. Doch nun zum Spektakel.

12. April 2020, Westerholz

Die Hauptakteure sitzen draußen im Garten und grillen.

Mutter: Sohn ich möchte dir bald mal die Haare schneiden. Ich habe mir ein paar alte Bilder angeguckt, die wir nach deinem Friseur-Besuch gemacht haben.

Sohn (15 Jahre alt): Mama, das machst du garantiert nicht! Du hast dir zwar Fotos angeguckt, aber das letzte Mal, als du mir die Haare geschnitten hast, war ich 5 Jahre alt und meine damalige Frisur bestand darin, dass du alles auf eine Länge geschnitten hast!

Mutter setzt sich enttäuscht hin.

3 Tage später

Mutter fragt Sohn andauernd, ob sie ihm nun die Haare schneiden dürfe. Sohn ist schon etwas angenervt und befürchtet, dass etwas schief gehen könne und er, wenn die Schule am 20. April wieder startet, als einziger richtig blöde Haare hat.

Mutter: Och bitte, lass mich doch jetzt deine Haare schneiden!

Sohn: Pass auf Mama, wenn der Bundestag und die Kultusministerien beschließen, dass die Schulen weiterhin geschlossen bleiben, darfst du mir die Haare schneiden.

Mutter willigt ein.

Radio: Nun weitere Nachrichten: die Schulen bleiben aufgrund der aktuellen Krisensituation und der bestehenden Ansteckungsgefahr durch das COVID-19 Virus weiterhin noch bis zum 04.05.2020 geschlossen.

Mutter mit hämischem Lächeln.

Es ist ein schöner Frühlingstag, die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und keine Wolke ist zu sehen. Der Tag der Entscheidung. Meine Mutter darf mir die Haare schneiden.

Sohn sitzt, wie normal beim Friseur, mit Cape über den Schultern auf einem Stuhl, Pulsschlag zu hoch. Mutter startet den Rasierer stellt die Größe ein und macht den ersten Schnitt.

Mutter: O weh, du hattest doch immer 3 Zentimeter an den Seiten oder?

Sohn, Augen schockiert geöffnet, wirbelt herum: Mama! Ich hatte immer 6 Zentimeter.

Mutter: Spass

Sohn beruhigt sich wieder.

Die Zeit vergeht und vergeht, so kommt es mir zumindest vor. Meine Mutter hat mittlerweile alle Seiten zu meiner Freude schön geschnitten und begradigt. Danach hat sich meine Mutter … nicht zu meiner Freude … eine Schere genommen und mir mithilfe eines Kamms, wie das auch ein richtiger Friseur erledigt, die Haare, die noch oben auf dem Kopf waren, etwas kürzer geschnitten. Mit der Zeit verfliegt meine Angst und ich bin zugleich begeistert, aber auch erstaunt wie meine Mutter mir die Haare schneidet.

Ich habe es gewusst, ich habe es irgendwie gewusst, dass sie es hinkriegt. Als meine Mutter schließlich mit dem Schneiden und dem Stylen fertig ist, sind wir beide überrascht, wie das Werk gelungen ist. Ich sehe fast so aus, als käme ich vom Friseur.

Meine Mutter ist zufrieden und ruft nach meiner Schwester (12). Am nächsten Tag sind auch die Haare meiner kleinen Schwester kürzer. Meine Mutter hat ihr die Spitzen geschnitten.

Und was lernt man daraus? Trotz all der schlimmen Dinge, die gerade in der Welt durch den Virus verursacht werden, hat man so die Möglichkeit, verborgene Talente zu entdecken und auszutesten.

Ich bin dann mal weg, jetzt darf ich nämlich meiner Mutter die Haare schneiden.

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