Gefühle im Homeoffice von Jule Mollin

Seitdem wir uns alle im Homeoffice befinden, sind wir wohl alle schon mit den verschiedensten Gefühlen konfrontiert worden. Als wären die Aufgaben von unseren Lehrern nicht schon anstrengend genug. Nein. Man muss sich neben dem neuen Alltag in der Corona Zeit, den Aufgaben der Lehrer auch nebenbei mit den eigenen Ängsten und Gedanken herumschlagen, die, was viele nicht so richtig verstehen, auch sehr kräftezehrend sind.
Es fängt doch schon damit an, dass man sobald man morgens das erste mal auf IServ guckt und, obwohl man gestern Abend um 22 Uhr zuletzt geguckt hat, schon wieder 6 ungelesene E-Mails hat. Sobald man die erste Mail öffnet und eine Welle voller Aufgaben auf einen zukommt, wird die eigene Laune langsam schlechter. Trotzdem nimmt man die Aufgaben zur Kenntnis. Wenn dann aber die 2. Mail vom selben Lehrer kommt, weil dieser sich dachte die ersten 4 Aufgaben seien noch nicht genug, dann frag ich mich wirklich ob die Lehrer verstanden haben, dass wir trotzdem noch ein bisschen Freizeit brauchen.
Noch genervter wird man dann, wenn man sich endlich an die Aufgaben setzt, diese erst kaum versteht, dann doch irgendwie alleine oder mit Hilfe von Mitschülern schafft und im selben Fach neue Aufgaben per Mail gekommen sind.
Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den letzten Wochen gefragt habe, ob Lehrer echt gar keine Hobbys haben oder ob sie uns Aufgaben schicken und einen entspannten Tag mit ihrer Familie verbringen, während ich am Schreibtisch sitze.
Ich denke, jeder hat mindestens ein Fach, das einem nicht so liegt bzw. bei dem man einfach länger braucht. Das ist absolut nicht schlimm, aber wenn man während der Corona Zeit die Aufgaben nicht versteht und die Erklärungen des Lehrer sich über mehrere Tag erstrecken, ist es frustrierend. Eine simple Frage, die im Unterricht höchstens 2 Minuten in Anspruch genommen hätte, erstreckt sich über 13 Mails, weil ich die erste Erklärung nicht verstehe und auch noch ein Missverständnis dazu gekommen ist.
Für mich spielt ebenso die Angst eine Rolle. Ich habe keine Angst vor Corona oder so, aber ich habe Angst, dass ich in meinem Alltag in eine Situation gerate, der ich nicht entfliehen kann. Wenn ich vor Corona Stress mit meinen Eltern hatte, konnte ich einfach mal entspannt raus und vor allem raus aus der Situation. Momentan wird man mit allem konfrontiert und man kann nicht weg. Wenn ich einfach nur den Raum wechsle verfolgt mich diese Stresssituation quasi wie ein Schatten.
Ich denke, dass sich jeder in den letzten Wochen irgendwie mal nutzlos oder ohne Perspektive gefühlt hat. Hobbys oder Gewohnheiten haben sich verändert und mit manchen kommt man besser klar als mit anderen. Mindestens 4 mal in der Woche habe ich meinen Opa im Altenheim besucht. Von heute auf morgen durfte ich nicht mehr rein kommen und ihn sehen. Ich habe keine Ahnung wie es ihm geht oder was er so macht. Bestimmt ist es für andere unverständlich, aber für mich gehört das genauso zu meiner Routine, wie für andere das wöchentliche Fußballtraining, welches im Moment auch nicht stattfindet.
Trotzdem kann und möchte ich einen positiven Aspekt zum Schluss noch erwähnen. Trotz der Schulaufgaben, die sich schon wieder anhäufen, habe ich endlich wieder Sachen gemacht, die ich schon längst wieder machen wollte. Unter anderem habe ich nämlich wieder ein Buch gelesen. Ich weiß, dass es sich mega komisch anhört, aber seit fast einem Jahr hatte ich endlich genug Zeit, um mich entspannt nach draußen zu setzen und ein Buch zu lesen, welches ist nicht für die Schule kaufen musste. Theoretisch hätte ich es auch früher schon geschafft, aber immer hätte ich den Gedanken im Hinterkopf gehabt, dass ich doch noch was anderes machen muss.
Egal welche Gefühle uns über den Tag begleiten. Sie haben eine Wirkung auf uns und unsere Mitmenschen. Gerade in dieser schwierigen Zeit sollten wir für einander da sein und uns unterstützen. Egal wie sehr man sich eigentlich dafür interessiert (oder auch nicht :))

Veröffentlicht von Drea Voe

Lehrerin an der Eichenschule in Scheeßel

Ein Kommentar zu “Gefühle im Homeoffice von Jule Mollin

  1. Liebe Jule,
    Deine sehr persönliche Schilderung Deiner Gemütslage hat mich sehr beeindruckt. Ich kann davon vieles gut nachvollziehen. Lass mich zur Ehrenrettung der Lehrkräfte sagen, dass sie sich auch Sorgen machen. Sorgen, wie die Schülerinnen und Schüler den jetzt wegfallenden Unterrichtsstoff weiter bearbeiten können, damit keine zu großen Lücken entstehen. Sorgen, dass die Tage zu Hause ohne eine gute Struktur vielleicht schwer werden usw.
    Wir haben ja alle kein Vorbild für diese Situation. Insofern geben manche Lehrkräfte vielleicht zu viele Aufgaben, andere zu wenig. Mein Bitte an alle Schülerinnen und Schüler ist: Kommuniziert mit Euren Lehrern, meldet ihnen zurück, wenn Euch die Aufgaben unangemessen viel erscheinen. Wir Lehrkräfte müssen ja auch erst ein Gefühl für das richtige Maß entwickeln. Und Ihr könnt Euch bei Problemen sehr gerne direkt an mich wenden.
    Ich finde Euren Block sehr gelungen und ich verfolge Eure Einträge mit großem Interesse. Macht weiter so!

    Herzliche Grüße

    Ch. Birnbaum

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