Grüße aus dem Homeoffice – Tag 13 – Lehreredition 4 von J. Cramer

Corona-Tagebuch:

7.30 Uhr

Pünktlich am Schreibtisch gesessen. Neben mir die Bücher für den Vormittag: Politik 9 + 11, Geschichte 12. Füller nachgefüllt, Lehrerkalender aufgeschlagen, Tablet an. Nur eben keine Schüler da. Stattdessen niedersächsisches Dorfidyll vor meinem Fenster: Eichen, Fachwerk, roter Klinker. Am Rand eine Wiese mit Kühen, friedlich grasend, gemächlich wiederkäuend, mich lieb anglotzend. Musste unwillkürlich an meine 11x denken. Wollte nach der Kreide greifen und mich zur Tafel umdrehen, aber da war nichts. Phantomschmerz.

7.35 Uhr

Im Internet die ersten Nachrichten des Tages aufgeschnappt: 5.000 Neuinfektionen in Deutschland, irrer Unsinn von Trump und Bolsonaro, Merkel immer noch in Quarantäne. Wann trifft es endlich jemanden, bei dem ich Schadenfreude empfinden darf?

9.00 Uhr

Große Pause. Kaffee gekocht und Radio gehört. Der Sportblock bei NDR Info besteht seit Tagen nur noch aus einer Aufzählung der Absagen von Meisterschaften und Wettkämpfen. Demnächst können sie an dieser Stelle 5 Minuten Fahrstuhlmusik senden. Sehnsucht nach Montagmorgens im Lehrerzimmer, wenn am Wochenende der FC gewonnen hat. Oder Werder verloren. Oder besser: beides! Dann mit dem Geißbockbecher an der Kaffeemaschine stehen und auf die Kollegen H. und F. warten – herrlich! Jetzt ist Fußball noch nicht mal mehr eine Nebensache, es ist eine Nichtsache.

10.30 Uhr

Wieder bei tagesschau.de gelandet: Gestern 700 Corona-Tote in Spanien. Altenheime als Seuchenfalle. Einlagerung der Leichen in einem Eislaufstadion. Muss meinen Medienkonsum drosseln: Nur noch einmal Nachrichten pro Tag!

11.30 Uhr

Alle Aufgaben für heute per iServ verschickt. Machbar, aber sinnvoll? Bislang kaum Ergebnis-Einsendungen, auch keinerlei Rückfragen von Schülern. Liegen die alle schon am Beatmungsgerät? Oder noch im Bett? Wieder Kaffee gekocht und zu spät gemerkt, dass das Radio läuft (1.000 Tote in den USA) R. (14) schlappt vorbei Richtung Badezimmer. Frage ihn, ob ihn die Lehrer seiner Schule eigentlich auch mit Aufgaben versorgen. Ernte ein Grinsen: „Versorgen?! Nur Wiederholungskram, überflüssig“. Ach so? Und was er dann heute zu tun gedenkt? R. zieht seufzend sein Handy hervor und zeigt mir ein Video der aktuellen „Corona Shutdown Challenge“: Lionel Messi, wie er statt eines Balls eine Klo-Rolle von einem Fuß zum andern kickt. Ist das jetzt kreative Krisenbewältigung, ein witziger, ironischer Kommentar? Oder einfach nur bescheuert?

12.30 Uhr

Mittagessen gekocht, nebenher natürlich Radio gehört. Der nette Herr Drosten von der Charité erklärt begeistert einen interessanten Aspekt der Epidemie, irgendwas mit Herdenimmunität und Durchseuchung. Habe kaum ein Wort verstanden, mich aber gefragt: Wieso wird jemand eigentlich Virologe? Hat sich der Professor schon in der Schule ganz besonders für die Pest im Mittelalter interessiert? Wie gewinnt man Cholera, Typhus und Milzbrand so lieb, dass man jeden Tag seines Berufslebens mit ihnen verbringen möchte? Nehme mir vor, ihm eine Mail zu schicken, wenn das alles hier vorbei ist. Falls ich usw.

Beim Essen meine Kinder ganz nebenbei gefragt, ob sie eigentlich ihre Lehrer schon vermissen. S. überhört meine Frage, J. antwortet „Nö“ und löffelt weiter. R. legt das Besteck zur Seite, feuchtet seinen Zeigefinger an, berührt meine Stirn und macht dabei ein Zisch-Geräusch. Pubertätshumor.

15.00 Uhr

Immer noch Traumwetter. In den hintersten Winkel des Schuhschranks gekrochen und meine alten Joggingschuhe hervorgekramt. Genauer gesagt: ziemlich brandneue Dinger, aber in einer Farbe, die – wenn überhaupt – vor sehr, sehr langer Zeit mal modern war. Trotz Nichtgebrauchs pestilenzartiger Gestank. Schuhe in der Mülltonne versenkt, stattdessen die Axt aus dem Schuppen geholt und den Holzstapel in Angriff genommen, der seit Monaten am Gartenrand vor sich hin modert. Strahlend blauer Himmel, kühle, klare Luft. Am Futterhäuschen tummeln sich Amsel, Drossel, Fink und Star, über mir in den Tannen turnt ein Eichhörnchen herum. Pandemie? Welche Pandemie? Die Ärmel meines Holzfällerhemds lässig hochgekrempelt, männlich zur Axt gegriffen – nimm das, Corona! Beim Spalten des dritten oder vierten Klötzchens einen stechenden Schmerz im unteren Lendenwirbelbereich gespürt, zurück ins Haus gekrochen und vergeblich versucht, mir selbst den Rücken mit ABC-Salbe einzuschmieren. Musste A. zur Hilfe rufen. Im Türrahmen R., hohnlachend, wie der menschgewordene Virus.

17.00 Uhr

Kaffee gekocht, KEIN Radio gehört, sondern Mails gelesen. Kollege R. schreibt, dass Amazon in den letzten 10 Tagen 10 Milliarden Dollar Gewinn gemacht habe. Hierzulande Massensterben des Mittelstands absehbar. Tablet zugeklappt, mich sehr müde gefühlt.

19.30 Uhr

Noch einen Gang durchs Dorf gemacht. Absolute Stille, kein Auto, kein Vogelgezwitscher, nichts. Vom Schweinemastbetrieb Richtung A1 weht Gestank herüber, dazu der Gedanke: All die netten, alten Nachbarn, die jetzt nicht mehr die Straßen entlangtapern, sondern in ihren Häuschen und aus dem Bewusstsein verschwinden – wenn sie nun nach und nach am Virus sterben, wird man sie rechtzeitig finden, bevor … ? Nach Hause gerannt, einen Schnaps gekippt. Immer noch gezittert. Einen zweiten Schnaps gekippt. Aus Versehen die Nachrichten eingeschaltet und gleich wieder ausgemacht. Dritter Schnaps, dann ins Bett gewankt und Decke über den Kopf gezogen. Gute Nacht, Corona.

Veröffentlicht von Drea Voe

Lehrerin an der Eichenschule in Scheeßel

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