Grüße aus dem Homeoffice – Tag 5 von Madeleine Cordes

Liebe Oma,
in letzter Zeit ist einiges passiert, beunruhigende Dinge, die ich so noch gar nicht kannte. Bestimmt weißt du, wovon ich rede, das Corona-Virus. Durch dieses Virus hat sich so schnell so viel verändert und es hört nicht auf, die Verbreitung und Entwicklung schreitet unerbittlich voran. Um ehrlich zu sein, Oma, ich habe schon ein wenig Angst. Vor allen Dingen um meine eigene Familie, um dich, um Opa, um Ur-Oma, eigentlich um alle, aber am meisten um euch „ältere“ Generation :).
Anfangs war der Covid-19-Virus nur in China, aber nach nur geringer Zeit kam er auch in Europa an. In Italien war und ist der Virus sehr schlimm, doch auch in Deutschland steigt die Zahl der Infizierten exponentiell an. Auch die Zahl der Todesopfer wird täglich immer mehr.
Ach Oma, ich würde dich so gerne besuchen kommen und dich in den Arm nehmen, aber leider geht das nicht. Zu deinem Schutz müssen wir das leider verschieben, aber wir können ja auch telefonieren. Ich meine, wozu haben wir denn heutzutage so viel Technik, wenn wir sie nicht nutzen und auch du weißt bestimmt wie man einen Telefon bedient ;).
In ganz Niedersachsen sind nun die Schulen geschlossen und auch in anderen Teilen Deutschlands. Das heißt eigentlich 5 Wochen schulfrei, aber irgendwie konnte ich mich darüber nicht wirklich freuen, denn wir haben nur frei, damit wir Jugendlichen, die „Hauptüberträger“, andere nicht anstecken. Denn wir selber sind in unserem Alter und mit unserem Immunsystem nicht wirklich gefährdet und würden den Virus kaum spüren. Anders sieht es bei deiner Generation, der 50+ – Generation, aus. Ihr, aber auch Menschen mit schwachem Immunsystem, seid besonders anfällig für den Virus und bei euch kann der Corona-Virus schwerwiegendere Folgen, bis hin zum Tod, haben.
Aber ich frage mich: Wieso? Wieso trifft es meist diejenigen, die es überhaupt nicht verdient haben. Klar, keiner hat es verdient daran zu erkranken oder zu sterben, aber aus welchem Grund können nicht einfach nur die „jungen“, „stärkeren“ Menschen infiziert werden und nicht die „schwachen“, „alten“ Menschen, wenn es auch nur irgendwie möglich wäre? Denn wir würden sehr unwahrscheinlich daran schwer erkranken. Es ist unfair Oma, einfach nicht gerecht. Und dann macht es mich so wütend, wenn manche Jugendliche denken wir hätten jetzt Ferien und sich treffen um shoppen zu gehen oder um zur Eisdiele zu fahren oder Ähnliches. Ich verstehe diese Menschen nicht. Wir Jugendlichen haben doch „schulfrei“ bekommen, damit wir uns nicht mehr in großen Menschenmengen treffen können. Wir haben diese „Corona-Ferien“, damit genau das nicht passiert! Wenn es geht soll man zu Hause bleiben und nur die nötigsten Außer-Haus-Gänge machen… Klar, es ist erlaubt sich mit unter 5 Personen zu „versammeln“, aber dabei sollte man möglichst 2m Abstand halten, was wohl die wenigsten einhalten.
Ich selber hab den Virus am Anfang auch noch nicht so ernst genommen, Oma, aber mittlerweile sehe ich die schlimmen Folgen des Virus und wie schnell er sich verbreitet und übertragen wird. Bislang gibt es in Deutschland noch keine Ausgangssperre, aber wenn sich weiterhin Menschen zum Feiern oder Ähnlichem treffen, die mehr als 5 Menschen sind und nicht mehr nur die nötigsten Außer-Haus-Gänge getätigt werden, dann wird es auch in Deutschland dazu kommen. Und Oma, ich will keine Ausgangsperre. Das ist doch dann wie im Gefängnis. Was erlaubt und nötig ist, ist es einkaufen zu gehen, zu arbeiten und sich um das Tierwohl zu kümmern. Aber auch beim Einkaufen werden die Mindestabstände in der Schlange bei der Kasse beispielsweise nicht eingehalten.
Ein gerade angesprochener Punkt, Oma, ist das Tierwohl. Denn laut Tierschutzgesetz müssen die Tiere, zum Beispiel Pferde und Hunde, ausreichend bewegt und versorgt werden. In diesem Fall darf und muss man mit dem Hund spazieren gehen und das Pferd reiten. Wie du weißt Oma, hab ich mit Pferden zu tun, weshalb ich immerhin noch zum Stall kann und dadurch mal rauskomme. Aber auch im Stall müssen wir uns an gewisse Sicherheitsvorkehrungen halten. Es darf nur eine gewisse Reiteranzahl in die Halle und wir sollen nach Möglichkeit immer 2m Abstand halten. Ich finde das, um ehrlich zu sein, ziemlich anstrengend, immer daran zu denken, aber es ist nun einmal notwendig.
Sicherlich hast du mitbekommen, dass Mamas Cousine in London festsitzt. Ich habe schon mit ihr telefoniert und sie wird wahnsinnig dort. Da sie in London wohnt, einer riesigen Stadt, wo die Virus-Übertragung nochmal wahrscheinlicher und höher ist als auf dem Land, verlässt sie ihre Wohnung gar nicht mehr. Sie macht auch Home-Office und bestellt sich ihre Einkäufe nach Hause. Ihre Mitbewohnerinnen sind schon etwas länger weg zu ihren Familien, aber sie kann nicht nach Deutschland fliegen. Sie hat deswegen so Angst um ihre Eltern hier in Deutschland und betet jeden Tag, dass dieser Virus-Albtraum zu Ende geht. Mensch, Oma, ich bin froh, dass ich auf dem Land lebe und nicht in der Stadt!
Mir ist auch aufgefallen, dass das Internet jetzt viel mehr benutzt wird und man viel telefoniert und schreibt, um nicht von der restlichen Welt abgeschnitten zu leben. Man will ja auch wissen wie es anderen geht und wie sie mit der derzeitigen Situation umgehen. Ich kann für mich sagen, dass ich froh bin, telefonieren und schreiben zu können. Das erleichtert die Situation wirklich, Oma.
Etwas anderes, das aber nicht so positiv ist, sind die Urlaubspläne. Wegen des Virus können an vielen Orten keine Reservierungen angenommen werden und viele haben auch einfach Angst zu verreisen. Für die Osterferien war jetzt nichts Besonderes geplant, aber selbst den Urlaub in Österreich für die Sommerferien mussten wir vorerst absagen. Denn in Österreich und in Italien sind bereits viel strengere Vorschriften erteilt, die es in Deutschland bislang noch nicht gibt. Die Betreiber von Hotels, Jugendherbergen, Ferienwohnungen und Ähnlichem haben deswegen momentan echte Probleme, aber genauso auch viele andere Firmen und Betriebe in anderen Arbeitsbereichen, und zwar nicht nur bezogen auf Österreich.

Momentan ist das einfach viel zu viel auf einmal, Oma, und ich verstehe nicht, warum das alles jetzt gerade passieren muss. Immerhin kann bei mir keine Langeweile aufkommen. Denn unsere Schule hat beschlossen, uns Aufgaben für zu Hause per Mail zuzusenden, die die Lehrer dann zwar kontrollieren, aber nicht bewerten dürfen. Andere Schulen machen dies nicht, aber vielleicht ist es gar nicht schlecht, eine Aufgabe zu haben und sich abzulenken, wobei es echt viele Aufgaben sind… :/ Trotzdem frage ich mich ziemlich oft am Tag: Na, wie hoch sind die Zahlen jetzt? Was gibt es Neues über den Virus? Ist ein Ende in Sicht?…. Und jedes Mal, wenn ich im Internet nachschaue oder Nachrichten gucke, bin ich erneut traurig. Die Zahlen steigen weiter an und die Prognose sieht immer noch schlecht aus. Dann frage ich mich wieso ich jetzt schon wieder nachgeschaut habe, obwohl ich genau wusste, wie es in der Welt um den Corona-Virus steht.

Vielleicht, weil da doch noch dieser kleine Funken Hoffnung ist, dass das alles bald vorbei und ein Ende in Sicht ist.
Vielleicht, weil man nicht weiter den Schmerz von anderen Familien mitfühlen will, weil sie gerade jemanden verloren haben, obwohl man die Nachricht „nur“ im Internet liest.
Vielleicht, weil man keine Angst mehr um seine engen Freunde und Verwandten haben will.
Vielleicht, weil man doch kurz, nur ganz kurz den Gedanken daran verliert, dass das gerade nur ein Traum ist.

Denn wieso müssen Menschen elendig an Atemnot ersticken, ganz allein im Krankenzimmer, ohne einen geliebten Menschen, nur man selber und die letzten Gedanken, bevor man an gar nichts mehr denkt? Wieso passiert das? Wieso jetzt? Wieso trifft es diese Person? Wieso bin ich bisher verschont? Genau das fragen sich bestimmt viele Menschen und nicht nur ich.

Vielleicht schweißt der Corona-Virus die Menschen auch zusammen und man erkennt, dass man nur zusammen gegen ein so großes Problem vorgehen kann und dass jeder Verantwortung für seine Mitmenschen hat und nicht nur für sich selber. Ich meine, in Italien singen die Menschen von ihren Balkonen aus zusammen und zeigen Lebensfreude. Der Virus wird uns noch viele Jahre begleiten und wir werden lernen müssen, damit umzugehen und damit zu leben. In der Zukunft werden mit Sicherheit Bücher geschrieben und Filme über diese Pandemie gedreht werden. Dieser Stillstand zeigt vielleicht neue Möglichkeiten auf und öffnet neue Türen, vielleicht tut er dem Menschen gut.
Meine „moralische“ Erklärung Oma, auch wenn sie völlig bescheuert ist: „Die Erde ist krank und ihre Krankheit heißt Mensch.“ Diese Worte stehen im Zusammenhang mit dem Film „11th Hour“, der zwar vom Klimawandel handelt, aber davon, dass der Mensch ihn verursacht hat. Und vielleicht ist dieses Corona-Virus das Mittel der Erde, um uns Menschen aufzuwecken, uns zu verringern und so gegen den Klimawandel vorzugehen? Wer weiß, vielleicht sollte das Virus in China genau zu diesem Zeitpunkt ausgelöst werden. Wer weiß, warum es genau jetzt passiert. Alles im Leben hat einen Grund…

„Andra tutto bene“ – alles wird gut!

Pass auf dich auf, Oma!
Deine Enkelin

Veröffentlicht von Drea Voe

Lehrerin an der Eichenschule in Scheeßel

4 Kommentare zu „Grüße aus dem Homeoffice – Tag 5 von Madeleine Cordes

  1. Cooler Beitrag!
    Echt lesenswert und sehr unterhaltsam!
    Spannend zu sehen, wie deine Perspektive so ist und was du in dieser Zeit so denkst 😉
    Abwechslung und mal etwas von anderen lesen tut gut, wenn man in den eigenen vier Wänden nahezu eingesperrt ist…
    Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge!

    Gefällt 2 Personen

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